Bücher mit dem Tag "deutscher buchpreis"

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49 Bücher

  1. Cover des Buches Das flüssige Land (ISBN: 9783608964363)
    Raphaela Edelbauer

    Das flüssige Land

     (113)
    Aktuelle Rezension von: Leserstimme

    Raphaela Edelbauer hat es hier geschafft mich völlig mitzureißen,  ihr ist hier eine moderne einzigartige Geschichte gelungen,  die ich verschlungen habe.

    Ruth erfährt vom tödlichen Unfall ihrer Eltern und beschließt deren letzten Wunsch zu erfüllen - sie in Groß-Einland zu beerdigen.  An ihrer Uni wird ihr Sonderurlaub genehmigt und sie nimmt sich die Arbeit als Physikerin mit, um ihre Habilitation zu beenden.  Obwohl Groß-Einland nirgends auf einer Karte verzeichnet ist, gelangt sie schließlich an diesen dubiosen Ort im sogenannten Wechselgebiet. Schnell wird sie dort geduldet und wohnt erst einmal in einer Pension bei Erna. Schon dort fallen Ruth tägliche Strukturen auf, die nicht zu ändern sind, ich würde es als eingefahren bezeichnen. Hört man eine Klingel läuten, hat man sich im Gastraum einzufinden, denn später gibt es kein Essen mehr. 

    Ihr Auto, das in einer Werkstatt auf Reperatur wartet, kann laut des Mechanikers nicht so rasch wieder hergestellt werden. Obwohl Ruth die ganze Zeit das Gefühl hat, noch nicht lange zugegen zu sein, rast die Zeit dahin. Ihr wird klar, dass das kein gewöhnlicher Ort ist. Und was hat es mit diesem Loch auf sich, dass sich mitten auf dem Marktplatz befindet? Erste Nachfragen nach der Ortschronik scheitern. Nur Gemeindemitglieder dürfen diese besitzen und darin lesen. Später im Buch erfährt Ruth, dass eigentlich alles was im Ort vonstatten geht, durch die Gräfin gesteuert wird. Eine Einladung- oder sollte man sagen Vorladung- der Gräfin nimmt Ruth an, dennoch ist das Gespräch der Beiden einseitig und die Fragen und Zweifel Ruths werden übergangen.  Ein bisschen kam mir die Gräfin wie " die Rote Königin" aus " Alice im Wunderland" vor. Im ganzen Buch stellt sich die Gemeinde als eingeschworenes Kollektiv vor, neugierige Fragen zur Vergangenheit des Ortes werden unwillig, beleidigend oder agressiv aufgenommen. 

    Als Ruth, endlich Mitglied der Gemeinde,  dann doch von unfassbarer Neugier gefasst, Nachforschungen anstellt, das Loch betreffend,  das auch Absenkungen zur Folge hat, fallen ihr Dokumentationslücken auf. Mittlerweile arbeitet Ruth für die Gräfin und soll sich um die Absenkungen der Häuser  und Gebäude kümmern. Als sie ihr eigenes Häuschen kauft, fällt ihr erst später auf, dass das ihr Elternhaus war. Wie drastisch und schnell die Absenkungen vonstatten gehen, scheint unfassbar. Für mich spiegelt das Verhalten der Gemeinde das Loch wieder. Jeder weiß,  dass in der Vergangenheit hier schreckliches mit Kz- Häftlingen geschehen ist, doch einige streiten es ab und alle sollen einfach nicht darüber reden. Es wird totgeschwiegen und Ruth erfährt nichts genaues. 

    Mittlerweile hatte sie Kontakt mit ihrer Tante, die ihr betroffen erklärt, sie sei seit 3 Jahren weg und als vermisst gemeldet. 

    Zunehmend fühlt Ruth sich sehr unwohl in ihrer Haut und nimmt Beruhigungstabletten. Ihr Füllstoff, den sie für die Gemeinde entwickeln sollte, um weitere Absenkungen zu verhindern, ist ungeeignet für die Natur und vergiftet alle Pflanzen darum herum.  Die Zeit scheint zu rasen, aber niemand scheint sich fortzubewegen. Diese Unbekümmertheit gegenüber der Vergangenheit hat seinen Preis. 

    Nach 6 Jahren Stillstand beschließt Ruth zu gehen und überlässt die Gemeinde ihrem nicht zu entrinnendem Schicksal.

    Für anspruchsvolle Leser mit Liebe zu einem neuen Stil. 




  2. Cover des Buches Winterbienen (ISBN: 9783406739637)
    Norbert Scheuer

    Winterbienen

     (93)
    Aktuelle Rezension von: ysmn

    Natur und Krieg. Bienen und Menschen. Leben und Tod.

    All dies verwebt Norbert Scheuer auf großartige und einfühlsame Weise in seinem Roman „Winterbienen“. Er erzählt in Tagebuchform über das Leben des Imkers Egidius Arimond in der Eifel, der während des Zweiten Weltkriegs Juden in seinen Bienenstöcken bis zur belgischen Grenze schmuggelt. Das Fortschreiten des Krieges, die Frauengeschichten des Protagonisten und seine Epilepsie, die immer schlimmer wird, weil er sich keine Medikamente mehr besorgen kann und schließlich die zunehmend gefährlicher werdenden Fahrten mit den Flüchtlingen führen dazu, dass die Situation beklemmender und bedrückender wird.

    Bevor die Geschichte jedoch an Rasanz zunimmt, gelingt es Scheuer, über den Krieg, der „doch immerzu anwesend [ist]; ein schrecklicher Dämon, der seit Menschengedenken existiert, versteckt in einem Winkel lauert und jederzeit unerwartet hervorkommen kann, um blindwütig die Natur und ihre Kreaturen zu schänden”, eindrücklich zu erzählen. Denn er stellt ihn dem Leben der Bienen und ihrem Rhythmus gegenüber, verbindet beides sprachlich miteinander und schafft so einen Kontrast, aber auch ein Nebeneinander.
    Einerseits sind die Bienen untrennbar mit den Schrecken des Krieges verbunden und beschützen nicht nur die Flüchtlinge in den Bienenkästen, indem sie sich wie eine Traube um die Menschen legen, sondern auch die Notizen Egidius’ und eine Notration seines Medikaments, die in den Kästen der Bienen sicher aufgehoben sind. Auf einer metaphorischen Ebene lassen sich außerdem die abstürzenden Flugzeuge, die an der Front gefallenen Soldaten, von denen lediglich die Särge den Weg zurück in die Eifel finden, mit einer Krankheit vergleichen, die die Bienen ihres Orientierungssinns beraubt. Sie finden nicht mehr in den Stock zurück und sterben. Ein anderes Bild sind die Menschen im Bunker, die sich wie ein Bienenschwarm zusammenfinden: „Im hintersten Winkel des großen Bunkers in der Bahnhofstraße hängt der ganze Ort gleichsam wie eine zitternde Menschentraube zusammen.”
    Andererseits aber, stehen die Bienen in ihrem Verhalten für all das, was der Krieg nicht ist. Sie arbeiten zusammen, sorgen besonders im Winter füreinander und verteilen “Wärme im Staat”, damit die Larven nicht erfrieren, während der Krieg Hass und Kälte im von menschlicher Hand geführten Staat verteilt. Der ewige Rhythmus der Bienen stellt sich dem Hass, dem Töten und der Zerstörung gegenüber. Sie bleiben vom Krieg unberührt: „Der Lärm der Angriffe scheint den Bienen nichts auszumachen; sie leben in einer anderen, wie es scheint, friedlichen Welt, sie interessiert der Krieg nicht.” Erst als Soldaten auf die Bienenstöcke schießen und diese mutwillig zerstören, hält der Krieg der Menschen selbst in der Bienenwelt Einzug.

    Scheuers Roman ist wie der Tanz der Bienen, wie ihr „Sprachballett”. Er wird den Schrecken des Kriegs gerecht und schafft es gleichzeitig, dass diese nicht die Überhand gewinnen. Er bahnt sich erzählerisch einen Weg durch das Jahr 1944, indem er die Innenansichten des Protagonisten, historische Fragmente, Naturbeschreibungen der Eifellandschaft und den Rhythmus und das Leben der Bienen zu einem Gesamtbild verknüpft. Nicht zuletzt hat Scheuer Egidius Arimond mit diesem Roman ein ihm würdiges Denkmal gesetzt.

    Ein absolut lesenswertes Buch!

  3. Cover des Buches Widerfahrnis (ISBN: 9783627002282)
    Bodo Kirchhoff

    Widerfahrnis

     (95)
    Aktuelle Rezension von: gst

    Reither hat sich auf seinen Altersruhesitz im Weißbachtal zurückgezogen. Seinen Verlag hat er verkauft, weil er feststellte, „dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab“ (Seite 10). Noch hat er sich alte Gewohnheiten erhalten: er liebt nach wie vor Bücher, überlegt bei jedem Satz, ob er druckreif ist und spricht dem Rotwein zu. Als er ein Büchlein aus der hauseigenen Bibliothek mitnimmt, wird er von Leonie Palm, der Leiterin des Lesekreises, beobachtet. Da sie es geschrieben hat, wüsste sie gerne sein Urteil. Deshalb besucht sie ihn abends, um für den nächsten Tag einen Termin zu vereinbaren. Doch es kommt anders als gedacht. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch, das sie noch in der Nacht zu einem Ausflug an den Achensee aufbrechen lässt. Der erhoffte Sonnenaufgang ist noch weit und zum Warten darauf ist es zu kalt, also geht die Fahrt weiter. Die beiden kommen sich zögernd näher und das späte Glück scheint zum Greifen nah zu sein.

    Ich habe die beiden gerne auf ihrer Reise über den Brenner und durch Italien begleitet. Ich spürte richtig, wie es nach und nach wärmer wurde und die kalten Tage im Gebirge in den Hintergrund rückten. Die im Alter der Protagonisten ungewohnte Spontanität lud mich zum Träumen ein. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches häuften sich die Überraschungen und ich wollte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

    Fazit: Kirchhoff ist ein begnadeter Erzähler.

  4. Cover des Buches Sechs Koffer (ISBN: 9783462050868)
    Maxim Biller

    Sechs Koffer

     (79)
    Aktuelle Rezension von: dunkelbuch

    „Wäre ich geblieben, wäre ich geflohen, hätte ich selbst meine engsten Freunde und Verwandten verraten, wenn die Kommunisten mich erwischt hätten?“ Der Großvater der Familie wird 1960 auf dem Flughafen von Moskau verhaftet und wegen seiner verbotenen Devisengeschäfte hingerichtet. Kurz danach war einer seiner Söhne, Dima, ebenfalls verhaftet worden, weil er, in Prag lebend, nach Westberlin flüchten wollte. Seither stellt sich in der Familie durch die Jahre und Generationen die Frage, ob es da einen Zusammenhang gibt, war es Dima, der damals den Großvater verraten hatte?

  5. Cover des Buches Ich an meiner Seite (ISBN: 9783552059887)
    Birgit Birnbacher

    Ich an meiner Seite

     (63)
    Aktuelle Rezension von: FerrAbbs

    Eine interessante Sichtweise eines Individuums, das sich verloren und Fehl am Platz fühlte. Ein Mensch, der sich mit dem Wandel der Gesellschaft seit seiner Inhaftierung nicht zurecht findet und die Dinge erfrischend anders sieht. Alltägliche Abläufe werden absurd dagestellt. Ich musste zwischendurch schmunzeln, da die Gedankengänge und die Gefühlswelten nicht nur zu der Sparte Ex-Knacki, sondern auch zu anderen sozialen Außenseitern passen könnte. Personengruppen, die sich stetig "beweisen" und "einzugliedern" haben. ich bin mir sicher, dass einige der Fragen, die sich die Hauptfigur stellt auch von einigen anderen gestellt werden.... Auch der "Helfer " Börd benimmt sich recht seltsam unsensibel. Einige Passagen waren ein literarisches Vergnügen, wenn auch die Spannungslosigkeit für einige Leser eher nicht das wahre sein könnte.

  6. Cover des Buches Kruso (ISBN: 9783518466308)
    Lutz Seiler

    Kruso

     (120)
    Aktuelle Rezension von: sKnaerzle

    Was man weiß: Edgar merkt, dass er nach dem Unfalltod seiner Freundin kurz davor ist, sein Leben zu beenden Um neu anzufangen, reist er nach Hiddensee und erhält dort halb illegal einen Job als Abwäscher.
    Edgar schließt sich besonders an Kurso an. Was auch noch wichtig ist, Edgar ist Germanistik-Student mit dem Schwerpunkt "Deutsche Romantik" 
    Und es ist auch eine Tatsache, dass DDR-Flüchtlinge von Hiddensee aus versuchten, die Ostsee schwimmend zu überqueren und Schweden zu erreichen. Die meisten sind dabei umgekommen.

    Was man vermutet: Kruso hat (wahrscheinlich) einen Hirntumor, der dazu führt, dass er Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr recht unterscheiden kann. Am Ende wird er immer misstrauischer, bis er sogar seinen engsten Freund Edgar überfällt, weil er ihn für einen Verräter hält. Am Ende stirbt er - wahrscheinlich.

    Was stimmt oder auch nicht: Kruso glaubt, ein Aufenthalt auf Hiddensee heile von seelischen Leiden. Also hat er ein riesiges Netzwerk organisiert, an dem alle Saisonkräfte der Insel beteiligt sind. mit dessen Hilfe Besucher ohne Übernachtungsmöglichkeit illegal und heimlich untergebracht werden. Dabei gibt es seltsame Rituale. Edgar lässt sich von Kruse gerne für seine Zwecke einspannen - ein solche scheinbare oder echte Riesenverschwörung passt genau zu seiner Stimmung: hier hat jemand das Zauberwort getroffen, das für ihn die Welt zum singen bringt.

    Erst viele Jahre später erfährt Edgar von den Toten in der Ostsee. Er sucht ihr Grab, denn den Toten wahrt er die Treue.

    Mir hat der Roman nicht so gefallen. Normalerweise mag ich Geschichten, wo man einem Erzähler nicht trauen kann und man durch genaues Lesen rauskriegen muss, was wirklich ist und was nicht. Hier hatte ich eher das Gefühl, der erzählerische Aufwand ist mir zu groß und weder Kruso noch Edgar haben mich wirklich interessiert.

  7. Cover des Buches Der Vogelgott (ISBN: 9783990272145)
    Susanne Röckel

    Der Vogelgott

     (50)
    Aktuelle Rezension von: dunkelbuch

    Ein Vater und seine drei erwachsenen Kinder geraten auf verschiedensten Wegen in den Dunstkreis eines archaischen Kultes, der einen Vogelgott verehrt. Das ist weder Thriller noch Fantasy, sondern am ehesten ein schwarzromantischer Schauerroman, der an Kafka, Poe und Lovecraft erinnert.

  8. Cover des Buches Der Allesforscher (ISBN: 9783492306324)
    Heinrich Steinfest

    Der Allesforscher

     (73)
    Aktuelle Rezension von: awogfli

    Heinrich Steinfest liefert uns in der ersten Hälfte sein typisches Universum schräg, kuriositätenreich und mit Unwahrscheinlichkeitsantrieb funktionierend. Eine sensationelle Idee jagt die andere gleich einem Feuerwerk an Absurditäten. Der Protagonist und Manager Sixten Braun wird von der daherfliegenden Leber eines explodierenden Wals in Taiwan ins Koma verfrachtet und überlebt anschließend einen Flugzeugabsturz im Südchinesischen Meer. 

    Nach diesen Katastrophen kriegt er als Bademeister in Deutschland sein neues Leben auf die Reihe, das er gemächlich und beschaulich ausgestaltet, also downsized, weil er infolge der Traumata nicht mehr in ein Flugzeug einsteigen kann und auch mit seinem bisherigen Job nichts mehr anfangen möchte. 

    Aus dieser Idylle wird er nach Jahren wieder plötzlich herausgerissen, denn nun ist er mit einem angeblich in Taiwan gezeugten Sohn konfrontiert für den er die Vormundschaft übernehmen soll. Die Behörde hat ihn informiert, dass seine damalige Geliebte und verantwortliche Ärztin während des Komas sehr schnell nach der Geburt des Kindes an Krebs gestorben ist und die beauftragte Pflegemutter nun in der Psychiatrie gelandet ist, sich also auch nicht mehr um das Kind kümmern kann. Sixten Braun fällt aus allen Wolken, übernimmt jedoch Verantwortung, denn die Wahrscheinlichkeit, dass er der Vater ist, ist durchaus nicht unerheblich.

    Als das Kind mit dem Namen Simon aber dann nach Behördendschungel und Überstellung in Deutschland ankommt, ist klar, dass Sixten nicht der Vater sein kann, denn der Bub hat eindeutig asiatische Züge. Seine Geliebte war aber ebenso wie der Protagonist Deutsche. Keiner in der taiwanesischen Behörde hat ein Foto gesendet oder die Vaterschaft in Frage gestellt, denn sie dachten, Sixten sei Asiate. Nun war der Fehler nicht mehr rückgängig zu machen, das entzückende Kind ist vor Ort in Deutschland, Sixten fügt sich in sein Schicksal und adoptiert Simon aus Liebe und Respekt zur Mutter dennoch. Ein weiteres Detail hat die taiwanesische Behörde auch noch unterschlagen, um das Kind loszuwerden, Simon spricht eine komplexe Sprache, die keiner versteht. Nach ausführlicher Recherche wird klar, es ist keine chinesischstämmige Sprache, kein Dialekt, sondern eine eigenständige erfundene in sich logisch konsistente Geheimsprache, die sonst niemand auf der Welt spricht. 

    Ab in etwa der Hälfte des Romans wird das Tempo langsamer, fast schon gemächlich. Vater und Sohn nähern sich nach und nach einander an, aber Simon bleibt bei seiner Sprache und in seiner Welt. Sixten verliebt sich zudem auch noch in die Angestellte der taiwanesischen Botschaft, die die Adoption organisiert hat. Als Simon 8 Jahre alt wird, kommt Sixten drauf, dass der Bube perfekt klettern kann. 

    In einem Nebenstrang wird auch noch die Geschichte von Simons leiblichem Vater geschildert. Gemäß dem typischen steinfestschen Unwahrscheinlichkeitsantrieb kommen alle Protagonisten, die lebenden und die Toten in Tirol auf jenem Berg zusammen, auf dem Sixtens Schwester Astrid bei einem Kletterunfall gestorben ist. 

    Der Buchtitel Der Allesforscher stammt von Steinfests Sohn, der, um einen Universalgelehrten zu beschreiben, dieses Wort erfunden hat. Im Roman spielt dieser Allesforscher fast bis zum Ende eine untergeordnete Rolle, er war ein väterlicher Freund von Sixten. 

    Übrigens den explodierenden Wal gab es tatsächlich. So ein Ereignis ist zweimal passiert 1970 in Oregon und 2004 in Tainan, wie im Buch beschrieben. Solche Situationen sind übrigens gar nicht so ungewöhnlich. Durch die Gärgase tendieren verwesende Wale zu explodieren. Kontrollierte Miniexplosionen durch Schnitte in die Wale in den Niederlanden, in Dänemark und auf den Färöer-Inseln haben den großen Knall verhindert. https://www.youtube.com/watch?v=-4OIYQ6HCnk

    Fazit: Sehr guter Roman, der in der Mitte für meine Gefühle gar zu sehr eine Vollbremsung hinlegt und das Tempo zu viel drosselt.

  9. Cover des Buches Hippocampus (ISBN: 9783218011778)
    Gertraud Klemm

    Hippocampus

     (31)
    Aktuelle Rezension von: BeautyBooks

    Irgendwie hat das Unglück der Österreicher mit dem Sonntag zu tun. Mit diesem Nine-to-five, Montag bis Freitag und mit diesen gesetzlichen Feier- und Urlaubstagen. Von einem Feiertag wird zum nächsten gejammert, im Winter zum Frühling hingejammert, im Frühling wird der Sonnenschein herbeigesehnt, und wenn es mal im Mai heißt ist, jammern alle wegen des Klimawandels. Die Menschen vor den Fernsehern und Radios haben immer den Freitag im Blick, damit endlich Samstag und Sonntag folgen. So will er niemals werden. - Seite 8


    Inhaltsangabe:

    Helene Schulze ist tot. Eine vergessene Autorin der feministischen Avantagarde, die ausgerechnet jetzt als Kandidatin für den Deutschen Buchpreis gehandelt wird. Ihre Freundin Elvira Katzenschlager sortiert Helene's Nachlass und findet sich in einer Marketingmaschinerie voll Gier, Sensationsgeilheit und Neid wieder. Als sie sich mitten in einem Nachruf-Interview befindet, bricht sie dieses ab und begibt sich mit dem wesentlich jüngeren Kameramann Adrian auf einen Roadtrip durch Österreich, um die verzerrte Biografie ihrer Freundin richtigzustellen. Was als origineller Rachefeldzug beginnt, wird immer mehr zum Kreuzzug gegen Bigotterie und Sexismus. Sie verkleiden Heldenstatuen, demontieren Bildstöcke und stören Preisverleihungen. Immer atemloser, immer krimineller werden die Regelbrüche der beiden auf ihrem Weg nach Neapel, wo die letzte Aktion geplant ist.

    Und obwohl er das alles weiß und jetzt schon seit zwei Jahren dabei ist, deprimiert ihn immer mehr, wie viel Illusion erzeugt werden muss, um die Zuschauer für eine Naturdokumentation bei Laune zu halten. Vogelkinder mussten ihre Mütter verlieren, Löwenmütter ihren Kindern beim Gefressenwerden zusehen, die Elemente mussten rebellieren und der Lebenskampf toben. Erst wenn Natur mit Storytelling und Mitleidhaschen gespickt wird, ist sie so richtig essfertig für den Durchschnittstrottel vor dem Bildschirm. - Seite 9-10 


    Meine persönliche Meinung:

    Aus diesem Buch habe ich mir so viele Buchzitate herausgeschrieben, die einfach wie eine Faust aufs Auge gepasst haben. Frau Klemm hat uns Österreicher herrlich locker in diese Geschichte miteingebunden. Wie wir so ticken und auch denken. Oder aber auch einfach ein paar Zeilen, die komplett aus dem Leben gegriffen sind, in denen wir uns selbst tagtäglich widerfinden. Buchzitate, die ich euch in diese Rezension miteinbinden werde, damit ihr selbst lesen könnt, was ich meine. 

    Beginnt man diesen Roman zu lesen, spürt man sofort, dass es sich hier um eine sprachlich anspruchsvolle Geschichte handelt. Die Autorin bringt uns die Welt der Literaturbranche näher und weist uns stets daraufhin, wie wichtig feministisches Engagement tatsächlich ist.

    Die beiden Hauptcharaktere werden von der Autorin benutzt, um Geschlechterklischees drunter und drüber zu werfen. Adrian, der junge Fotograf des Interview-Teams, befindet sich in einer typisch weiblichen, dienenden Funktion. Er begleitet Elvira als "Assistent" auf ihrem Road Trip um diesen zu dokumentieren. Adrian hat ganz bestimmte Ansichten, was alte Frauen betrifft. Mit diesen Ansichten wird er tagtäglich von Elvira, die von ihm ja als alt bezeichnet wird, herausgefordert. Sein Leben besteht bisher darin, dass er seinen Alltag als Möchtegern-Liebhaber einer jungen Frau verbringt, während Elvira ihm zeigt, wie lässig sie in Liebesdingen umgeht. Elvira ist eine unglaublich starke Person, der vollkommen egal ist, was andere von ihr denken. Sie hält es nicht aus, wie ihre tote Freundin Helene dargestellt wird und tut alles, um das zu ändern, ohne Rücksicht auf irgendwas oder irgendjemanden. Manchmal musste ich regelrecht schlucken, da sie Aktionen bereithält, die ich fast schon ein wenig zu übertrieben empfunden habe. Damit bekommt sie jedoch ihre Aufmerksamkeit, die sie haben möchte und zieht ihr Ding einfach durch.

    Die Menschen machen Licht, bevor es dunkel ist, sie heizen, bevor es kalt wird, sie sterben, bevor sie leben. - Seite 38 

    Die erste Hälfte des Buches konnte mich noch so richtig packen, während ich die zweite Hälfte eher als anstrengend empfunden habe. Anfangs fand ich den Road Trip von Elvira und Andrian noch ziemlich amüsant, schon bald legte sich dieses Gefühl aber ein wenig und kippte für mich schnell ins übertriebene rüber. Es fühlte sich während dem Lesen einfach an, als käme nichts mehr neues und die Geschichte plätscherte so vor sich hin. Ich habe stets gehofft, dass noch irgendwas spannendes oder anderes passieren wird, dass mich aus dieser Lethargie wieder herausholen wird. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen und auch der Schreibstil gefiel mir richtig gut, aber all die Aktionen die Elvira durchgezogen hat, waren dann einfach irgendwann too much. Man hätte auch anders handeln können, um Helene Schulze's Leben oder sie als Person aufleben zu lassen um all den Menschen zeigen zu können, dass sie anders war, als alle gedacht haben.

    Sie versteht immer mehr, warum Terroristen so brutal werden müssen. Es hört ihnen ja sonst niemand zu. Sie lassen sich die Aufmerksamkeit der Gesellschaft in Menschenleben bezahlen, sie errichten Installationen aus Schmerz und Leid und nehmen in Kauf, dass man sie hasst und verfolgt und von all den Forderungen, die sie im Zusammenhang mit ihren Aktionen stellen, gar nichts mehr mitbekommt. Terror ist auch nur eine Protest-Kunstform, denkt Elvira verwundert, wenn auch eine sehr widerliche, abstrakte. - Seite 299

    Nichtsdestotrotz konnte mich Gertraug Klemm überzeugen bzw. hat sie mich neugierig gemacht und ich habe mir nun "Muttergehäuse" von ihr gekauft. Von "Hippocampus" sollte sich jeder einfach selbst überzeugen. Ich habe sehr viele ganze positive Rückmeldungen in der Arbeit erhalten. Für mich war die Geschichte irgendwann zu eintönig.

     

  10. Cover des Buches Ein Sommer in Niendorf (ISBN: 9783498002923)
    Heinz Strunk

    Ein Sommer in Niendorf

     (48)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Selbstherrlicher Jurist will in Niendorf ein Buch schreiben, blickt abschätzig herab auf die Menschen vor Ort, die saufend ihre Tage verschwenden, rutscht selber ab in den Alkoholismus und wird letztlich zum Inbegriff dessen, was er verachtet. Interessante Idee, die Umsetzung konnte mich indes nicht überzeugen. Fremdschämen, Vulgärsprache und Ekelfaktor werden gnadenlos ausgereizt, der unvermeidliche Untergang des misogynen Protagonisten liest sich klebrig-unangenehm. Abstoßende Charakterzüge werden geradezu abgehakt, dabei wenig bis gar nicht hinterfragt. Auch die Verweise auf Gruppe 47 können der Geschichte meines Erachtens nicht zu wirklichem Tiefgang verhelfen.

  11. Cover des Buches Mitgift (ISBN: 9783608984149)
    Henning Ahrens

    Mitgift

     (37)
    Aktuelle Rezension von: Juditha

    Ich habe das Buch als Hörbuch bei audible gehört und war wirklich begeistert. Alle Personen und Ereignisse sind so glaubhaft und lebendig, es macht Freude und auch traurig. Die Familiengeschichte wird vom 18. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre geschildert, nicht chronologisch, sondern der Autor bringt immer wieder neue Aspekte. Interessant und bewegend.

  12. Cover des Buches Indigo (ISBN: 9783518464779)
    Clemens J. Setz

    Indigo

     (83)
    Aktuelle Rezension von: Komodowaranin

    Die Inhaltsangabe spare ich mir und komme gleich zur Kritik:

    Der Plot mutet abenteuerlich an und ist es noch mehr, als man ahnen mag. Setz macht in seinen Beschreibungen auch nicht halt vor Ekelgrenzen, ich musste an manchen Stellen die Zeilen überfliegen, weil ich - ähnlich der Hauptfigur Setz - zu zart besaitet bin. Wobei auch die immer wieder vorkommenden kleinen "Horror"-Geschichten sehr virtuos, skurril und ungewöhnlich sind, das ist also kein Negativpunkt, man sollte bloß wissen, dass hier kein Feel-Good-Roman lauert.

    Ich mochte es sehr, dass gerade die kleinen eingestreuten Anekdoten wie bspw. die über die vor England versunkenen Kriegsschiffe, einen kurz zum Innehalten und manchmal auch zum Googlen bringen - denn so selbstbewusst vorgetragen, gerät man in Versuchung, diese "Fakten" erstmal für echt zu halten, bis man dann merkt, dass es herrlicher Mumpitz - und typisch Clemens Setz - ist.

    MINI SPOILER! Leider gab es am Ende nicht die von mir erhoffte Auflösung der ganzen Verwicklungen, es ist dann doch mehr experimenteller Roman als Thriller. Auch hatte ich, wie viele andere Lesende, irgendwann keine Geduld mehr mit den Dialogen, in denen ständig Dinge angedeutet wurden, die sich komplett meinem Verständnis entzogen. 

    Ich hätte den Roman echt gern besser gefunden, weil ich Clemens Setz' Schreibtstil und Gedankengänge wirklich grandios finde (ich empfehle seinen Twitter-Account), aber der Roman war ab dem letzten Drittel für mich nur noch zäh.

  13. Cover des Buches Die Hauptstadt (ISBN: 9783518469200)
    Robert Menasse

    Die Hauptstadt

     (157)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Der österreichische Autor Robert Menasse ist ein glühender Verfechter der europäischen Idee. Er glaubt allerdings nicht an Europa als Nationalstaatenbund, sondern an das Konzept der Europäischen Republik. Seiner Meinung nach muss das langfristige Ziel der Europäischen Union sein, Nationen zu überwinden, Grenzen aufzulösen und gemeinsame demokratische Politik zu betreiben, weil nationaler Egoismus die EU in jeglicher Hinsicht beschneidet. Seine Kritik richtet sich demnach gegen den Europäischen Rat, während er Institutionen wie die Europäische Kommission, die tatsächlich europäische Interessen vertritt, als legitim und positiv betrachtet. Diese recht radikale Einstellung ist mehr als das Produkt halbgarer Stammtischdiskussionen. Menasse lebte einige Zeit in Brüssel und recherchierte vor Ort, wie die EU arbeitet und funktioniert, denn es wurmte ihn, dass er nicht verstand, wie Entscheidungen gefällt werden, die sein Leben direkt beeinflussen und lenken. Dort entwickelte er die Idee für „Die Hauptstadt“, der weltweit erste Roman über die Europäische Kommission, der von der Fachpresse gefeiert wurde und 2017 den Deutschen Buchpreis erhielt.

    Ein Schwein geht um in Brüssel. Ein lebendiges Schwein, das durch die Straßen läuft und Brüsseler_innen wie Medien in Aufruhr versetzt. In den Korridoren der EU geht hingegen eine Idee um. Der 50. Geburtstag der Europäischen Kommission steht bevor. Müsste man feiern. Sollte man auch, für ihr Image, meint Fenia Xenopoulou, Leiterin der Direktion C (Kommunikation) der Generaldirektion Kultur und Bildung. Auschwitz als Geburtsort des europäischen Einheitsgedankens in den Mittelpunkt stellen? Warum nicht. Überlebende müssen her, Überlebende, die sich noch erinnern und Zeugnis ablegen können. Überlebende wie David de Vriend, der in einem Altersheim auf den Tod wartet, dem er vor so langer Zeit in einem Zug nach Auschwitz von der Schippe sprang. Nur möchte er lieber vergessen als zu erinnern. Kommissar Émile Brunfaut wurde indes aufgetragen, zu vergessen. Ihm wurde ein mysteriöser Mordfall in einem Brüsseler Hotel entzogen. Anweisung von oben, politische Gründe. Welche, weiß Brunfaut nicht. Er ermittelt auf eigene Faust weiter und deckt höchst schockierende Verbindungen auf. Schockieren wird auch der emeritierte Volkswirtschaftler Alois Erhart. Er wird den Grünschnäbeln des Think Tanks der Europäischen Kommission zeigen, wie radikal Europa gedacht werden muss. Und das Schwein? Das braucht einen Namen.

    „Die Hauptstadt“ begegnete mir zuerst auf dem Wohnzimmertisch meiner Eltern. Damals war das Buch die aktuelle Lektüre meines Vaters und als ich ihn danach fragte, weckten seine Schilderungen schnell mein Interesse. Doch ich war auch eingeschüchtert. Ein Buch über die Europäische Kommission? Konnte ich das überhaupt lesen? Oder reichte mein Wissen über europäische Politik nicht aus, um zu verstehen, was Robert Menasse zu sagen hatte? Mein Vater beschwichtigte mich und gab sich zuversichtlich, dass ich dem Roman gewachsen sein würde. Ich bin froh, dass ich seinem Urteil vertraute. „Die Hauptstadt“ setzt nicht allzu viel Vorwissen voraus; es reicht völlig, wenn man eine ungefähre Vorstellung davon hat, aus welchen Institutionen die Europäische Union besteht und welche Aufgaben sie erfüllen. Feinheiten, Zusammenhänge und Abhängigkeiten erläutert Robert Menasse gewissenhaft, ohne die Geschichte, die er erzählt, jemals zu einer Lehrstunde verkommen zu lassen. Er verliert nie aus den Augen, dass ein Roman an erster Stelle unterhalten soll und verflechtet Erklärungen geschickt mit dem Erleben seiner Figuren.

    Dadurch erkennen Leser_innen auch mit wenig Hintergrundwissen, dass der Einheitsgedanke, mit dem die Europäische Union einst gegründet wurde, heute beinahe in Vergessenheit geriet, die Mitgliedsstaaten nicht an einem Strang ziehen und alle Hindernisse in der Gestaltung europäischer Politik systemischer Natur sind. So mutiert die Organisation einer harmlosen Jubiläumsfeier zum 50. Geburtstag der Europäischen Kommission zum Kraftakt, weil einfach jedes Projekt von nationalen Interessen torpediert und zu Tode verhandelt wird. Daher wunderte es mich nicht, dass Idealismus in Brüssel nicht überleben kann. Die EU ist ein Ort, an dem Ideale, Hoffnungen und Träume mit jedem neuen Kompromiss ausgehöhlt werden. Dies veranschaulicht Menasse in „Die Hauptstadt“ durch die exemplarische Zusammenstellung seiner Figuren, die in diesem System in allen Ebenen und Institutionen arbeiten. Er zeigt, wie sie alle von der schwerfälligen, undurchsichtigen und frustrierenden Realität europäischer Bürokratie betroffen sind und jeweils mit ihr umgehen.

    Die sensible Balance zwischen Nähe und Distanz, die Menasse dabei herstellt, faszinierte mich. Nach jedem der zahlreichen Perspektivwechsel tauchte ich langsam in den banal wirkenden Gedankenstrom einer Figur ein, der Stück für Stück Fahrt aufnahm und immer tiefer, immer signifikanter wurde. Ich gebe zu, für mich war diese Erzählweise zuerst gewöhnungsbedürftig, ich konnte mich ihrem hypnotischen Sog jedoch nicht entziehen und fühlte mich mitgerissen. Dennoch lässt Menasse niemals zu, dass seine Leser_innen von einem Blickwinkel vereinnahmt werden, indem er sie Querverbindungen sehen lässt, die die Figuren nicht wahrnehmen. Ich hatte den Eindruck, das Gesamtbild aus der Vogelperspektive zu betrachten, ohne meine Verbundenheit zu den Figuren opfern zu müssen. Das Maß an Kontrolle, das Menasse demnach auf seine Handlung ausübt, ist beeindruckend. Scheinbare Zufälle, Kreuzwege und Symboliken setzt er bewusst ein, um bestimmte Aspekte zu verdeutlichen. Nichts in „Die Hauptstadt“ geschieht grundlos. Folglich ist nicht einmal das Schwein, das herrenlos in Brüssel herumläuft und beinahe wie ein Phantom wirkt, eine willkürliche Ergänzung. Es ist eine gezielte Metapher, die sich sowohl auf die gesamte Geschichte als auch auf ihre Einzelteile anwenden lässt. Menasse selbst sprach in diesem Zusammenhang über das Spektrum zwischen „Glücksschwein“ und „Dreckssau“, meiner Meinung nach ist die passendste Assoziation jedoch die der Sau, die durchs Dorf getrieben wird – und wir wissen ja, wie lange diese Aufmerksamkeit generiert: Bis die nächste gefunden ist.

    Schriftstellerisch ist „Die Hauptstadt“ genial. Robert Menasse ist ein hervorragender Autor, der ein bemerkenswertes Gespür für Subtilitäten und Zwischentöne besitzt. Er ist sich der Wirkung von Details allzeit bewusst und schreckt nicht davor zurück, diese unkommentiert zu lassen. Vieles erscheint in diesem Buch absurd und ich bin überzeugt, dass Menasse diese Absurditäten, die am gesunden Menschenverstand des europäischen Verwaltungsapparates zweifeln lassen, gezielt betonte. Ja, „Die Hauptstadt“ vermittelt Humor– doch es ist Galgenhumor, resigniert und fast bitter. Deshalb empfand ich den Roman emotional als schwer verdaulich. Die Lektüre war sehr desillusionierend, trotz all der radikalen, revolutionären und wunderschönen Ideen für Europa, die Menasse präsentiert. Es macht mich unsagbar traurig, dass das Potential der Europäischen Union ungenutzt bleibt und wir nicht daran arbeiten, das Konzept von Nationalitäten zu überwinden, um als wahrhaft geeintes Europa zu wachsen und die Vergangenheit hinter uns zu lassen. Europa ist untrennbar mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden und wird es immer sein. Sollte der Anspruch gelebter Erinnerungskultur nicht bedeuten, dass wir versuchen, das Problem an der Wurzel zu lösen und nationale Interessen hinter europäischen Interessen zurückzustellen?

    Die Idee, innereuropäische Grenzen aufzulösen, Staaten abzuschaffen und eine echte europäische Identität für alle Bürger_innen aufzubauen, wirkt auf den ersten Blick heftig, meiner Meinung nach liegen die Vorteile jedoch auf der Hand. Wir würden nicht mehr von Brüssel aus „fremdregiert“, denn wir würden unsere politischen Vertreter_innen in der EU wählen, wie wir jetzt nationale Politiker_innen wählen. Würde der Kontinent Europa als Ganzes begriffen werden, stünde der Weg frei für einheitliche Politik. Ich denke da vor allem an die Ressorts Wirtschaft, Bildung und Außenpolitik. Selbstverständlich ist so ein extremer Schritt kein Garant dafür, dass tatsächlich Einigkeit entsteht. Aber ich glaube, der aktuelle Zustand der EU belegt, dass wir diese Einigkeit unter den herrschenden Bedingungen nie erreichen werden. Der politische Rechtsruck in vielen europäischen Ländern ist ein eindeutiges Signal dafür, dass wir genau jetzt versagen. Um überhaupt eine Chance zu haben, müssen wir mutig sein, umdenken und einen klaren Cut wagen, um anschließend unter neuen Voraussetzungen zusammenzuarbeiten.

    Leider wird das wohl nicht passieren. Auch das vermittelt „Die Hauptstadt“. Robert Menasse mag von einem vereinten Europa träumen, er mag dafür kämpfen, optimistisch gibt er sich allerdings nicht. Wie könnte er auch, nachdem er in Brüssel hautnah erlebte, wie sich die Europäische Union Tag für Tag selbst ausbremst? Sein Roman konnte wahrscheinlich gar nicht mit einer hoffnungsvollen Note enden. Stattdessen transportiert er am Schluss die düstere Prophezeiung, dass es immer so weitergehen und sich niemals Einsicht in den grundlegenden Änderungsbedarf entwickeln wird. Zumindest habe ich es so empfunden. „Die Hauptstadt“ ist kein Hoffnungsschimmer. Es ist eine Bestandsaufnahme, die zeigt, was die EU sein sollte – und was sie in Wahrheit ist.

  14. Cover des Buches Archipel (ISBN: 9783499291562)
    Inger-Maria Mahlke

    Archipel

     (65)
    Aktuelle Rezension von: Vera-Seidl

    Den mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Archipel" hatte ich auf eine Empfehlung einer, nach Teneriffa eingeheirateten Deutschen auf dem Land knapp zwanzig Kilometer westlich von Puerto de la Cruz angefangen zu lesen, fand mich aber schnell im grünen Guagua sitzend auf dem Weg nach La Laguna wieder, mehr auf der Suche nach meinem Teegeschäft, von denen es nur zwei auf der Insel gibt, als nach dem Altenheim, wo, der jetzt hunderteinjährige, Julio Baute, el Portereo, in seiner Pförtnerloge sitzt, sich die Vuelta im Fernsehen ansieht und darauf achtet, dass sich die dementen Alten nicht durch die Tür schmuggeln.

    Von den vielen Eindrücken der Insel benebelt gelang es mir zuerst nicht, die zahlreichen, von Inga-Maria Mahlke entworfenen Puzzleteilchen zusammenzufügen, auch weil das Puzzle fragmentarisch ist und die Autorin zudem mit ihrer Geschichte am 9. Juli 2015 um 14.02 Uhr beginnt und in den ersten Minuten des Jahres 1920 endet.
    Deshalb habe ich die Lektüre erst in Deutschland fortgesetzt und sie am Silvesterabend 2020 beendet.

    "Archipel" erzählt die Geschichte von drei Familien; den aristokratischen Bernadottes, Nachkömmlinge von Kolonialherren, die die Falange gründeten; die Bautes, die für die Mittelschicht und für die Sozialisten stehen sowie die Frauen der Morales aus der Unterschicht, die sich eine Moral nicht leisten können.

    Ich kenne den Norden Teneriffas gut. Wenn Mahlke den kanarischen "Gofio" erwähnt, hatte ich sofort seinen Geruch in der Nase, höre auch das Quietschen der "Tranvía" in La Laguna.
    Trotzdem lieferte mir die Schriftstellerin so viele neue Informationen über den "Archipel", dass ich sie einerseits kaum fassen kann und andererseits schockiert bin.

    Zu Letzterem gehören die Salones de Faifes, faschistische Konzentrationslager in Santa Cruz. Oder, dass das Barranco Santos in den Cañadas ein Massengrab ist.

    Vor dem Lesen des Buches hatte ich nicht gewusst, dass die Briten größeres Interesse an den Kanaren hatten als die Spanier, denen Sahara Occidental wichtiger war. Natürlich hatte ich von Francisco Franco y Bahamonde gehört, wusste, dass er von 1939 bis 1975 Diktator Spaniens war. Aber, dass er Teneriffa unter anderem auch deshalb mied, weil das einzige Jagdgut dort Kaninchen sind, war mir unbekannt. Den Namen "Jose Antonio Primo de Rivera" hatte ich noch nie vernommen und deshalb nicht um seine Bedeutung für die Falange gewusst.

    Wie Inga-Maria Mahlke in einem Interview sagte, spiegelt Teneriffa als Insel das Weltgeschehen "en miniature" ab.
    Das leuchtet ein! Trotzdem finde ich es merkwürdig, dass sie, die auf der Insel aufgewachsen ist und so mit ihr und ihrer Sprache verwachsen ist, ihren Roman nur in deutscher Sprache geschrieben hat.
    Warum gibt es keine spanische Übersetzung von einem Buch mit dem Titel "Archipel"?

    Meine Erklärung ist, dass die Autorin den deutschen Lesern einen Spiegel vorhalten möchte; ihnen ihre Gegenwart mit Hilfe ihrer faschistischen Vergangenheit erklären möchte.

    Nicht nur dafür möchte ich ihr herzlich danken, sondern auch dafür, dass das erste Kapitel des Buches die Überschrift "San Borodón" trägt. Jedoch musste ich feststellen, dass damit nicht jene magische Insel im Westen gemeint ist, sondern eine neue, künstliche Insel.

    "Neu, durch und durch neu, ... Nicht von der Zeit deformiert, zurechtgerückt, geschliffen. Nicht mit Geschichte behangen, ... Keine Verwerfungen, aufgestautes Geröll, verkrustete Strukturen unter einer nur mit Mühe glattgezogenen Oberfläche."

    Ein Personenregister befindet sich am Anfang des Romans, im Glossar erklärt die Autorin die spanischen und kanarischen Begriffe, auch die ursprüngliche Bedeutung von San Borodón.
    Folgendes Gedicht schrieb ich hundert Jahre nach der Geburt von Julio Baute:

    San Borondón

    San Borondón
    Es el corazón
    Del islas ochos
    Trasnochos
    Tenerife la cabeza
    Alegría y tristeza
    El Hierro
    Los pies atierro
    Quatro cinco seis y siete
    Un grande zaguanete

    Dentro del nieblas
    Despueblas
    La isla magica
    Lo significa
    La veràs
    Quizàs
    Al solsticio
    El mìstico patricio
    Navidad
    Una visionad

     Vera Seidl 

     

  15. Cover des Buches Spitzweg (ISBN: 9783492071437)
    Eckhart Nickel

    Spitzweg

     (24)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Der Schüler Carl trägt altmodische Sockenhalter und kredenzt seinen Freunden in seinem dekadenten kleinen ‘Kunstversteck’ Madeira, After Eight und Edelzigaretten. Er hält mäandernde Monologe über Kunst, Musik und Literatur, wirft mit Zitaten und cleveren Anspielungen nur so um sich und pflegt eine blasierte pseudo-bescheidene Herablassung.


    Lange fiel es mir schwer, den Roman zu ‘verzeitlichen’, da Carl in seinem ekzentrischen Habitus genauso gut vor 150 Jahren hätte leben können – tatsächlich befinden wir uns indes im 21. Jahrhundert. Hier wird jugendliche Rebellion quasi umgedreht, und das hat augenzwinkernd-amüsante Momente: Rückkehr zum Biedermeier statt provokanter Kleidung oder Piercings.


    Die verschämte Anbetung des Erzählers eines selbsterklärten Kunstbanausen, der das Gefühl hat, bei soviel weltgewandter Bildung gar nicht mithalten zu können, ist Carl gewiss und wird von ihm gönnerhaft anerkannt. Mehr als einmal nennt er den Erzähler »mein Schüler, mein Geschöpf«, wenn der etwas Kluges von sich gegeben hat, und beansprucht den vermeintlichen Verdienst so für sich. Komplettiert wird diese seltsame, ungleichgewichtige Freundschaft durch die Mitschülerin Kirsten, eine überaus begabte Künstlerin, die von der Kunstlehrerin durch ein doppeldeutiges Lob bloßgestellt wurde: Kirstens Selbstporträt sei gelungen und zeuge von einem »Mut zur Hässlichkeit«. Autsch.


    Ein Affront, findet Carl, dieser »Schlachtruf der Unbarmherzigkeit« schreie nach Rache. Kurzerhand ersinnt er einen Plan, ohne Kirsten erstmal zu fragen, ob die das überhaupt will. Geht es hier überhaupt um sie, oder ist dies nur eine weitere Gelegenheit für Carl, seine Intelligenz und seine gepflegte Überlegenheit zu demonstrieren?


    Nach kurzem Widerstand willigt Kirsten ein ihren Selbstmord vorzutäuschen, indem sie ins Kunstversteck ‘verschwindet’ und nur ein von ihr angefertigtes Gemälde hinterlässt: eine zum Selbstbildnis abgewandelte Kopie des berühmten Gemäldes ‘Ophelia’ von John Everett Millais, das Hamlets tragische Geliebte zeigt, wie sie vor ihrem Ertrinken im Fluss treibt. Sicherlich wird die Kunstlehrerin nur einen Blick darauf werfen, sofort die Bedeutung erkennen und von Schuldgefühlen überwältigt werden! (Angemerkt sei, dass Kirsten solch ein meisterhaftes Gemälde anscheinend in wahrer Rekordzeit bewältigen kann.)


    Dieser Plan hat gravierende Lücken, gerät schnell auf Abwege. Das wäre angesichts des jugendlichen Alters der Verschwörer und der damit einhergehenden unvermeidlichen Selbstüberschätzung sicher zu verschmerzen, doch werden die Möglichkeiten dieses Handlungsstranges in meinen Augen nicht voll ausgeschöpft. Die Handlung löst sich hier für mein Empfinden etwas zu sehr von der Reflexion, so dass die wunderbar gewiefte Wechselwirkung zwischen dem ‘was’ und dem ‘warum’ ein wenig verloren geht.


    Übrigens: Eine Schülerin verschwindet, ein Selbstmord ist zu befürchten, und niemand ruft die Polizei? Hmm. Überhaupt bleiben Geschehnisse hier des Öfteren ohne Konsequenzen, dafür enden manche Entwicklungen abrupt und unerklärt.


    Woran ich immer wieder verzweifelte das war Carls geradezu performativ zur Schau getragene Bildung, augenscheinlich ermöglicht durch Privileg und Wohlstand. Das hat einen Beigeschmack von Gatekeeping, sieht man den Erzähler doch geradezu verzweifelt danach haschen, in Carls Augen ‘gebildet genug’ zu sein. Zwar wird dies abgemildert durch feine Ironie, durch einen altmodisch verbrämten, an Heinz Rühmann erinnernden Humor, und doch, und doch … Immer wieder beschlich mich die Frage nach der Zugänglichkeit: Wer kann diesen Roman lesen, wer kann sich an den zahlreichen kleinen ‘Ostereiern’ erfreuen, wer klappt das Buch zu mit einem frustrierten Gefühl der Unzulänglichkeit?


    Ich selber habe das Privileg genossen, an einem humanistischen, altsprachlichen Gymnasium mein Abitur gemacht zu haben, inklusive Großem Latinum. Damit bewege ich mich zumindest ein Stück weit in Carls Sphären, aber gerade deshalb kam mir immer wieder der Gedanke: So kunstsinnig und edel spricht kein Jugendlicher, gebildet oder nicht. (Was in geringerem Ausmaße auch für Kirsten und den Erzähler gilt.) Über lange Strecken des Buches wird Carl in meinen Augen daher zum Inbegriff der Künstlichkeit – nicht mal mehr literarische Kunstfigur, nur noch pure selbstherrliche Manieriertheit.


    …oder? Ist das verbose Selbstdarstellung? Ist das verzweifelt nach außen getragene Sinnsuche?


    Diese Ambivalenz ist sicher Absicht, zwingt Leser:innen jedoch, die Geschichte stets aus kritischer Distanz zu verfolgen, was sie meines Empfindens einer möglichen emotionalen Ebene beraubt. Das Emotionale tritt deutlich zurück hinter dem Intellektuellen – also der Domäne, in der Carl sich sicher und in Kontrolle fühlt.


    Zugegeben, hinter den ganzen aus der Zeit gefallenen Formulierungen verstecken sich überaus interessante Gedanken zu Kunst und Natur, Künstlichkeit und Natürlichkeit im abstrakteren Sinne, Identität zwischen Selbstaufgabe und Selbstsucht. Und natürlich verneigt sich der Roman auch vor Carl Spitzweg, weckt die Lust der Leser:innen, sich eingehender mit seiner Kunst zu beschäftigen.


    Als Aufstand gegen die schnelllebige, oberflächliche Selfie-Kultur der Gegenwart wenden sich die Mitglieder unseres jugendlichen Triumvirats der Vergangenheit zu, verweigern sich damit auch einer Gegenwart, der sinngebende Strukturen zum Opfer fallen. Gemeinsam haben die drei Jugendlichen wohl nicht von ungefähr die Dekonstruktion ihrer Familien, insbesondere durch abwesende Elternteile. Dieser Verlust jeden sicheren Halts wird in einer späteren Schlüsselszene noch einmal bildlich dargestellt, als eine Figur aus einem Gemälde herausgeschnitten wird und nur noch eine geradezu eloquente Leerstelle hinterlässt. In der Kunst finden sie sich wieder, hier suchen sie nach dem schmerzlich vermissten Sinn.


    Fazit


    Ein gebildeter junger Lebemann, wie aus der Zeit gefallen. Ein Kunstbanause, bezaubert und dennoch verunsichert. Eine Künstlerin, die aufs Schmählichste beleidigt wurde. Alle drei gehen noch auf die Schule, kommen zusammen in einem Racheplot, der mit der Vortäuschung von Selbstmord beginnt und mit einer Verfolgungsjagd im Museum eine unerwartete Wendung nimmt. Das spielt in der Gegenwart, entzieht sich jedoch der Oberflächlichkeit einer zusehends sinnentleerten Gesellschaft. Das ist raffiniert, originell, intelligent geschrieben, gehaltvoll. Das ist ein echter Bildungsroman, der dich herausfordert und dabei doch unterhält.


    Aber.


    Ja, leider gibt es für mich ein ‘Aber’ – ein ureigenes, höchstpersönliches. Für mich ist Carl der Schlüsselcharakter, mit dem alles steht und fällt. Und auch wenn sein Gebaren der Rebellion gegen eine digital regierte, sozial verkümmerte Welt entspringt, spricht daraus doch die übersättigte, prätentiöse Arroganz eines in der Vergangenheit verwurzelten Bildungsbürgertums. Das wird aufgebrochen durch spöttische Ironie und einen zunehmend magisch-realistischen Handlungsverlauf, und dennoch wirkte die detailverliebte Zuschaustellung von Bildung auf mich zunehmend ermüdend – und zunehmend künstlich. Ich hatte mit jeder Seite mehr das Gefühl, dass das genüssliche Geflecht der vielen, vielen Querverweise weniger anregend auf mich wirkte als vielmehr erdrückend.


    Gleichwohl möchte ich meine Anerkennung dafür aussprechen, wie gekonnt Eckart Nickel diese Geschichte konstruiert hat. Ich verneige mir vor diesem filigranen und dennoch tiefgründigen Wechselspiel von Gesellschaftssatire, Kunstgeschichte und schierer Sprachkunst.


    Aber.


    Da ist es wieder, das vermaledeite ‘Aber’. Aber das Buch wollte für mich im Endeffekt wohl einfach nicht zünden.

  16. Cover des Buches Gruber geht (ISBN: 9783499255762)
    Doris Knecht

    Gruber geht

     (55)
    Aktuelle Rezension von: wandablue

    In diesem Roman aus dem Jahr 2011 schildert die Autorin, wie es einem selbstverliebten Topverdiener, weiß, männlich, erfolgreich, rücksichtslos und sexsüchtig geht, wenn er erfährt, dass er todkrank ist. Gut, es ist übertrieben. Der Protagonist, John Gruber ist nicht gerade sex-süchtig, aber er behandelt Frauen wie käufliche Wesen, er nutzt sie aus und hält wenig von ihnen. Ein Sympathieträger ist Gruber nicht. 

    Um Grubers Charakter zu identifizieren und zu entdecken, muss man sich von Gruber distanzieren, was dadurch erschwert wird, dass die Autorin, sehr geschickt gemacht ist das, den Leser in den Bewusstseinsstrom Grubers einschleust. Und da Gruber einen Menschen sehr liebt, über alle Maßen liebt, nämlich sich selbst, ist es nicht so leicht, zu erkennen, was Gruber für ein Mensch ist. Aber natürlich hat auch Gruber weiche Seiten. Na ja. Eigentlich ist er ein selbstverliebter Yuppie ersten Ranges, nur dass er halt keine zwanzig mehr ist. Und auch keine dreißig. Es ist ungerecht, zu behaupten, er liebe nur sich selbst: seinen Porsche mag er auch.

    Trotz der ernsten Thematik liest sich der Roman leicht. Es gibt zwei Bewusstseinsströme, in die man sich als Leser hineinfallen lassen kann, einerseits ist da natürlich Gruber und andererseits ist da Sarah, die er kennenlernt, sofort beschläft, wie es bei ihm üblich ist, und sich dann verliebt. Na ja. Sort of. Was Sarah an Gruber findet, abgesehen davon, dass der Sex mega gewesen ist, die geneigte Leserschaft ist ja quasi dabei gewesen, ist nicht ersichtlich. Dass er Porsche fährt und sein Sofa so viel kostet wie das Monatsgehalt von „normalen“ Menschen, ist es nicht. Irgendwas wars, wir wissen aber nicht, was. Na ja, Liebe ist ja eh ein Geheimnis. Wo sie hinfällt und so. 

     Rein persönlicher Leseeindruck: 
    Ich mag den Stil von Doris Knecht. Er ist so unaufgeregt. Und ein bisschen wie ein Smoothie. Samtig. Aber nicht ölig. 

    Dennoch gibt es einige Kritikpunkte, die ich nicht vorenthalten möchte: 

    nie, nie, nie kann ich mir vorstellen, dass jemand mit Krebsdiagnose während der Chemo (dabei und danach) regelrechte Besäufnisse abhält, - ich mag das von der Autorin in diesem Buch vermittelte Frauenbild nicht, und das liegt nicht an Grubers Stream of consciousness, sondern an der Rolle Sarahs insgesamt und der von Grubers Familie (Schwester und Mutter), die Frauenfiguren sind allesamt schief oder verschwommen oder einfach komplett falsch (verblödet), man erfährt quasi gar nichts von Grubers beruflicher Tätigkeit, es scheint kein Problem zu sein, wenn er wochenlang ausfällt, etc. Na ja. -Und dann das Happyend. Fast hollywoodreif.

    Doris Knecht ist eine Autorin, die sich sensibel einfühlt in Situationen und Menschen. Aber ob sie es diesmal so richtig getroffen hat … ich zweifle. 

    Fazit: Und deshalb (siehe oben) gibt es von mir für ihren Roman, den ich im übrigen trotzdem gerne gelesen habe, „nur“ gediegene drei Sterne. 

    Kategorie: Belletristik. Operation Sub-Befreiung
    Verlag: Rowohlt 2011 

     

  17. Cover des Buches Das Leben der Wünsche (ISBN: 9783423139830)
    Thomas Glavinic

    Das Leben der Wünsche

     (221)
    Aktuelle Rezension von: maedchenausberlinliest

    Ich fand es etwas schwierig den Gesprächen zu folgen, da man nie wusste wer denn jetzt genau gerade spricht bei den Dialogen. Es ist alles in einem Fluß geschrieben und ohne Anführungszeichen.

    Die Geschichte ist sehr seltsam, teilweise hab ich mich gefragt ob es denn lustig sein soll.

    Leider kam die Geschichte bei mir nicht so wirklich an.

    Ich dachte das Buch wäre eine Mischung aus 𝐃𝐢𝐞 𝐌𝐢𝐭𝐭𝐞𝐫𝐧𝐚𝐜𝐡𝐭𝐬𝐛𝐢𝐛𝐥𝐢𝐨𝐭𝐡𝐞𝐤 und 𝐈𝐦 𝐧𝐚̈𝐜𝐡𝐬𝐭𝐞𝐧 𝐋𝐞𝐛𝐞𝐧 𝐰𝐢𝐫𝐝 𝐚𝐥𝐥𝐞𝐬 𝐛𝐞𝐬𝐬𝐞𝐫.

    An sich war die Idee des Buches sehr cool, aber für mich nicht gut umgesetzt.

  18. Cover des Buches Landgericht (ISBN: 9783442746491)
    Ursula Krechel

    Landgericht

     (65)
    Aktuelle Rezension von: AlexanderPreusse

    Buchvorstellung von meinem Blog schreibgewitter.

    Die Sprache sticht. Entweder ins Auge oder ins Ohr, je nachdem, ob man zum Buch oder Hörbuch greift. Ich habe mich für Letzteres entschieden. „Landgericht“ klingt etwas sperrig, doch hat es nicht lange gedauert, bis mich der Roman für sich eingenommen hat, auch wenn Inhalt und Stil durchaus mit dem Titel harmonieren. Keine Komfortlektüre. 

    Die Autorin Ursula Krechel hat eine Sprache gewählt, die zugleich distanziert und ganz besonders nah, unmittelbar, ja intim wirkt. Der Duktus mutete bisweilen kühl, juristisch, formal an, da er mit einer ungeheuer detaillierten Beobachtung einhergeht und zugleich außergewöhnlich präzise Bilder für die Schilderung nutzt, fühlt sich der Leser ganz dicht am Geschehen, am inneren wie äußeren. Diese Kombination sorgt für eine hohe Intensität.

    „Ich bin in einer Mitläuferfabrik gelandet.“

    Die Themen machen wütend. Richard Kornitzer, promovierter Jurist, zu Zeiten der Weimarer Republik im Amt eines Richters, kehrt nach dem Krieg aus Cuba nach Deutschland zurück. Der nächste Satz wird schwierig, denn würde ich sagen, Kornitzer wäre Jude, entspräche das nicht der Wahrheit. Die Nazis und ihre antisemitische Vernichtungsideologie haben ihn zum Juden gemacht, obwohl er selbst keiner sein wollte und sogar Protestant geworden ist.

    Das mag als kleines Detail erscheinen, ist es allerdings nicht. Die Zuweisung einer einzigen Identität für eine andere Person ist ein signifikantes Merkmal der großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts, nicht nur dem der Nazis. Auch in Stalins und Maos Reichen wurde so verfahren, immer mit dem Ziel, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, ihrer Rechte zu berauben, einzusperren, zu quälen und zu töten.

    „Die Geschichte war ein Krater.“

    Es gehört zu den großen Vorzügen dieses Romans, dass Krechel einen Protagonisten gewählt hat, der dem Vernichtungsapparat entkommen konnte und wieder zurückgekehrt ist. Diese Rückkehr nach Deutschland steht am Anfang des Romans, der Weg zu seiner Flucht aus dem so genannten „Dritten Reich“ wird als Rückblick im Romanverlauf geschildert. Zunächst einmal geht es um die Ankunft in der ehemaligen Heimat.

    Dort hat Kornitzers Frau Claire ausgeharrt. Sie ist aus der Sicht der Nazis „arisch“, durch ihre Heirat mit Kornitzer jedoch belastet, sodass sie keinen Organisationen beitreten kann, was Voraussetzung für ihre Berufsausübung wäre. Claire Kornitzer ist eine sehr moderne Frau, sie leitet eigenständig eine GmbH, ist erfolgreich, selbstständig, stark und dennoch dem Übel der Nazis  hilflos ausgeliefert, denn sie muss Firma und berufliche Tätigkeit aufgeben.

    Nach dem Krieg und der Gründung eines demokratischen Deutschlands ändern sich manche Dinge nicht unmittelbar zum Guten. Die während der Weimarer Republik bereits erreichte Modernität war durch die gesellschaftliche Steinzeit im Hitlerregime so weit zurückgedreht worden, dass es lange Jahre dauern sollte, ehe der einmal verlorene Stand wieder erreicht wurde. Das ging ganz erheblich zu Lasten der Frauen. Krechel hat das in ein wunderbares Bild gefasst:

    „Es schmerzte sie, als wäre sie an einem anderen Zeitufer stehengeblieben und das Schiff wäre ohne sie abgefahren. Ja, hätte ihr den Zutritt verweigert, nur weil sie eine Frau war. Und was hieß nur? Die Frau eines Landgerichtsdirektors. Jetzt klang es in ihren Ohren wie Hohn.“

    Die Kinder der Kornitzers, Georg und Selma, werden gerade noch rechtzeitig nach England geschickt und entgehen so einem schrecklichen Schicksal im Hitlerreich. Auf der Insel haben sie allerdings ebenfalls mit Widrigkeiten zu kämpfen, was den Roman übrigens brandaktuell macht, wenn etwa von „unbegleiteten Minderjährigen“ die Rede ist, die aus Syrien, Afghanistan oder anderen Regionen nach Deutschland fliehen.

    In seiner Heimat und sieht sich Kornitzer auf allen Ebenen Widrigkeiten ausgesetzt. Beruflich setzt ihm zum Beispiel die skandalöse Behandlung von Philipp Auerbach heftig zu, privat ist es ein extrem schwieriges Unterfangen, die Familie wieder unter einem Hut zu versammeln. Diese Dinge entwickelt Krechel in ihrem typischen Stil vor den Augen des Lesers, der mitgerissen werden kann, wenn er sich darauf einlässt.

    Die „Stunde Null“, der „Neuanfang“ ist eben geprägt von vielen Kontinuitäten, die rückwirkend ebenso verblüffen wie auch verstören. Vor allem der latente, unterschwellige oder auch offene Antisemitismus, das Fortdauern von NS-Ideologie und Denkweise in juristischen (und anderen) Bereichen des Staates und die Hilf- und Wehrlosigkeit der Opfer, insbesondere der Juden, sind eigentlich unfassbar.

    „Es rüttelte an seinem Rechtsempfinden wie eine eisige Sturmböe.“

    Eine ganz besonders bedrückende Episode ist die so genannte „Irrfahrt der St. Louis„, ein Dampfer, der vollgestopft mit jüdischen Flüchtlingen aus dem Reich Cuba angelaufen hatte. Touristenvisa wurden plötzlich nicht mehr anerkannt, nur wenige der Notleidenden wurden von Bord gelassen, der Rest harrte auf dem Schiff zunächst zwischen Cuba und den USA, später von der Küste Kanadas aus, ehe die St. Louis wieder nach Deutschland zurückkehrte.

    Dieser auch aus der Gegenwart sattsam bekannte Vorgang, der den Eindruck verstärkt, dass manche Dinge sich eben doch wiederholen, ist auch in anderen Werken behandelt worden. Der kubanische Autor Leonardo Padura hat ihn in seinem Roman „Ketzer“ aufgegriffen und aus Sicht von Einwohnern Havannas geschildert. Für Kornitzer wird Cuba aber zum Rettungsanker, eine ihm sehr fremde Welt.

    „Tage, mit heißer Nadel aneinandergestichelt, sich gegenseitig überlappend. Ein Sandmückenschleier sirrt in der Luft über der dösenden Bucht. Klares, blaues Licht. Licht, von ruhiger Eindringlichkeit, das einen blass und bleich erscheinen ließ.“

    Mir haben an dem Buch sehr viele Aspekte ganz besonders gefallen. Neben der eindringlichen Sprache vor allem die Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen, die Rückblenden und kurzen Ausflüge in Seitenhandlungen, die zusammengenommen auf nachdrückliche Weise aufzeigen, wie die Opfer des NS-Regimes auf verlorenem Posten kämpften, als es darum ging, angemessen entschädigt und anerkannt zu werden. Der Krieg mochte 1945 beendet worden sein, sein verheerendes Wirken dauerte weit darüber hinaus an

  19. Cover des Buches Geschichte eines Kindes (ISBN: 9783518430569)
    Anna Kim

    Geschichte eines Kindes

     (15)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    TW: Im Roman wird die Sprache der Zeit verwendet, inklusive heute als rassistisch erkannter Begriffe wie Mulatte oder Neger. Diese werden daher auch in meiner Rezension vorkommen. Ich möchte versichern, dass dahinter keine verletzende Absicht steckt, sondern nur der Wunsch, den Rassismus der 50er Jahre und die Verletzungen betroffener Menschen nicht zu verharmlosen oder zu verschweigen.


    Handlung:


    Im Jahr 1953 wird ein Neugeborenes zur Adoption freigegeben. Als Zweifel aufkommen, ob es vielleicht ein Mischlingskind ist, beginnt die Sozialarbeiterin Marlene eine obsessive Suche nach dem Vater, um den ‘rassischen Hintergrund’ des kleinen Daniel bestimmen zu können.


    In der Gegenwart setzt Ich-Erzählerin Franziska, eine österreichische Autorin mit südkoreanischer Mutter, die Puzzleteile von Daniels Geschichte zusammen, mit Hilfe seiner Ehefrau Joan. Er liegt nach einem schweren Schlaganfall im Krankenhaus und kann sie selber nicht mehr erzählen


    Meine Meinung:


    Hier wird ein Kind begutachtet, als gebe es nichts Wichtigeres als die Frage, ob sich in der Form seiner Lippen und seiner Nase nun europide, negride oder indianide Merkmale zeigen. So oder so, betont Schwester Aurelia, seien sie nicht ‘normal’.


    Es ist eine bestürzende Juxtaposition von Aussagen und Begebenheiten, die verdeutlichen: Die Schwestern, die Ärzte, die Mitarbeiterinnen des Sozialdienst wollen das Beste für das ‘Mulattenkind’, gleichzeitig sprechen sie über den kleinen Daniel mit einer erschreckenden Mischung aus längst widerlegtem Irrglauben und Ansichten, die ihn seiner Menschlichkeit berauben. Da ist von ‘Auskreuzungen’ die Rede, von der bedauerlichen Tatsache, dass ‘Negerkinder’ nun mal weniger intelligent seien als weiße Kinder.


    Dabei wurde Daniel nach seiner Geburt untersucht und als hochintelligent eingestuft. Nur war seine Haut da noch heller und die Fragen nach seiner Herkunft noch nicht aufgekommen. Und welch Überraschung: Später wird er erneut getestet und prompt als deutlich weniger intelligent bewertet. Ein Bestätigungsfehler par excellence. Was nicht sein darf, kann auch nicht so sein.


    Auch ehrlich erscheinendes Wohlwollen entpuppt sich immer wieder als pervertiert. Da werden adoptionswillige Paare abgewiesen oder hingehalten, weil die Verantwortlichen es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, ein Kind unbestimmter Herkunft an ein gutes weißes Ehepaar zu vermitteln. Da fällt auch schon mal das Wort ‘Wirtsvolk’, und als leises Echo über die Jahrzehnte hinweg wispert es ‘Umvolkung’. Mein Gott. Als sprächen wir von Tieren, sogar von Schädlingen.


    Als Resultat verbringt Daniel, ein kleines Kind in einer prägenden Zeit seines Lebens, viele Monate in einer Einrichtung, der Liebe einer Familie unnötig beraubt. Und das durch Menschen, die ihm nicht einmal etwas Böses wollen. Deutlicher hätte die Autorin gar nicht zeigen können, dass auch wohlmeinende Ignoranz schädlich ist.


    Der nicht so wohlwollende Rassismus kommt jedoch kaum zur Sprache; durch die allgegenwärtige weiße Perspektive (Marlene, Joan, die Ärzte etc) wirkt er auf mich wie mit einem Weichfilter versehen.


    Das Echo der Annahme, die rassische Identität müsse auch die persönliche Identität bestimmen, erklingt auch in den Erlebnissen von Ich-Erzählerin Franziska, wo das Thema untrennbar verwoben ist mit der Mutter-Tochter-Beziehung. Mit ihr eröffnet sich eine nicht weniger wichtige Ebene der Geschichte, die neue Perspektiven ermöglicht und neue Aspekte in bereits angesprochene Themenkomplexe einbringt, wie zum Beispiel die direkten und indirekten Auswirkungen von Rassismus auf das Mutter-Kind-Verhältnis.


    Das ein oder andere Mal hatte ich den Eindruck, es gebe hier im Grunde genug Stoff für zwei oder drei Bücher. Verschiedene Themen rauben sich gegenseitig etwas die Luft, weil sie jeweils sehr viel Raum einnehmen. Das steigert sich noch gegen Ende, wenn Marlenes Lebensgeschichte völlig unerwartete dunkle Blüten treibt. Mal werden sie nur angerissen, mal so ausführlich beschrieben, dass Danny als Person fürs Erste in den Hintergrund rückt.


    Überhaupt: Er selber bleibt stumm, die in seinem Leben so prävalente Fremdbestimmung setzt sich fort. Es wird über ihn gesprochen, nicht mit ihm. Obwohl ich verstehen kann, warum es Sinn macht, dass Daniel selber nicht zu Wort kommt, fehlt mir seine Perspektive doch sehr.


    Anna Kim erzählt diese Geschichte mal in Franziskas leise poetischem Schreibstil, mal in nüchternen Aktennotizen – und es ist gerade deren perfide Sachlichkeit, die mich fertigmacht. Die Akten sind für moderne Leser:innen ein Absurdum. In den knappen Notizen wird quälend offensichtlich, wie normal zu der Zeit eine Sprache war, die wir heute als entwürdigend betrachten, als rassistische Entmenschlichung. Obwohl die Schwestern und auch die Ärzte eigentlich nur das Beste für Danny wollen, sind sie tief verwurzelt im Irrglauben ihrer Zeit, in der Idee einer anthropologischen Bestimmung des Menschen. Hier wird eher ein leiser, gewaltloser Rassismus beschrieben, ein geradezu freundlicher Rassismus. Aber eben doch Rassismus.


    So gut geschrieben, wie ich das Buch auch größtenteils finde, habe ich doch einen leisen Kritikpunkt: Da die Geschichte über weite Strecken in Gesprächsprotollen erzählt wird und daher in indirekter Rede, kommt es oft zu einer Häufung von “er/sie/es habe [Verb]”-Formulierungen, durch die der Sprachfluss ganz empfindlich ins Stocken gerät.


    Fazit


    Das Buch hat mich auf jeden Fall abgeholt, ich war voll und ganz gefesselt von der Geschichte. Diese bietet einen neuen Blickwinkel auf das Thema Rassismus – mal intensiv und unmittelbar geschildert, mal aus der kalten Distanz der Bürokratie gesehen. Über verschiedene Protagonistinnen kommt auch eine weibliche Sicht ins Spiel, die unter anderem das Thema ‘Mutterschaft in einem rassistischen Kontext’ in den Fokus stellt.


    Trotz meiner oben erwähnten Kritikpunkte ist “Geschichte eines Kindes” ganz ohne Zweifel ein fesselndes, ein wichtiges Buch, das die Nominierung für den Deutschen Buchpreis mehr als verdient hat.

  20. Cover des Buches Der zweite Jakob (ISBN: 9783446269163)
    Norbert Gstrein

    Der zweite Jakob

     (19)
    Aktuelle Rezension von: Sikal

    Der Schauspieler Jakob Thurner steht kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, der mit allem Drum und Dran gefeiert werden soll – inklusive einer Biografie. Doch Jakob entschließt sich zu einem Urlaub mit Tochter Luzie, die jedoch lieber mit ihrem Freund verreist. Seit einem Geständnis, das Jakob ihr gegenüber abgelegt hat, ist das Vater-Tochter-Verhältnis getrübt. Ein schwerer Autounfall mit Fahrerflucht liegt wie ein Schatten über Jakobs Vergangenheit und nur schwer hat er damit zu leben gelernt. Doch nun wirft die Diskussion mit Luzie das Gedankenkarussell wieder in Gang und als Leser darf man daran teilhaben.

     

    Der Autor Norbert Gstrein hat einen komplexen Roman über das Älterwerden geschaffen. Er springt zwischen den Handlungen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her. Der Protagonist versucht sich selbst auch als Opfer zu sehen und die Schuld an dem Unfall zu verleugnen. Interessante Gedankengänge, denen man hier folgt …

     

    Der Schreibstil des Autors fordert die ganze Aufmerksamkeit der Lesenden. Anspruchsvoll, verschachtelt und oftmals mit Andeutungen untermalt, folgt man einem Labyrinth aus inneren Monologen. Zum Teil wirklich anstrengend zu lesen.

     

    Ein Buch über Schuld und Sühne, dem Suchen nach der eigenen Identität, dem Kampf mit dem Älterwerden, dem Beziehungsdilemma. Ein Buch, das zwischen den Zeilen einiges an Interpretationsspielraum offen lässt. 4 Sterne

  21. Cover des Buches Der Mann schläft (ISBN: 9783423140027)
    Sibylle Berg

    Der Mann schläft

     (106)
    Aktuelle Rezension von: Daphne1962

    Wo Bestseller drauf stand, war auch zum Glück Bestseller drin.

    Der Mann liebt die Frau. Die Frau liebt den Mann ebenso. Er ist
    groß und stark und sie kann sich an ihn anlehnen. Findet Geborgenheit
    bei ihm und die Sicherheit, das er abends im Bett neben ihr liegt. Das
    soll immer so bleiben. Denn lange war sie auf der Suche nach dem
    passenden "Deckel". Er ist allerdings 110 kg schwer der Mann, keine
    Schönheit, aber er ist da. Das zählt, egal, wo man mit ihm ist.

    Aber ihre ständige Antriebslosigkeit und ihre eigens empfundene Durchschnittlichkeit ständig präsent, steht ihr im Wege. Sie lebt inzwischen bei ihm im langweiligen Tessin, wo nur Rentner leben, die in der Stahlindustrie tätig waren. Der Gedanke im fast verlassenen Ort die Feiertage zu verbringen grault ihr schon im Schlaf.

    "Ich muss gelassener werden, denn mein Hass der Welt gegenüber ist der Welt
    egal" oder Ich werde immer mit mir zusammen sein, besser, ich versöhne mich mit mir".
     
    Wegfahren ist eine gute Alternative zum Jahreswechsel. Nach China, weit weg. Nachdem sie sich dort in ihre Regelmäßigkeit in der Fremde eingerichtet hatten kommt ihr der Mann abhanden.
     
    Boshaft ehrlich mit einer Prise Zynismus beschreibt die Frau ihre Erinnerungen, die der Gegenwart von Seite zu Seite näher kommt, um sich am Ende zu treffen. Man möchte sie retten aus ihrer auswegslosen Situation. Man hofft auf ein gutes Ende, man lebt die Sinnlosigkeit des Daseins mit. 
    Mich hat diese Autorin dermaßen überrascht mit diesem Roman, das ich einfach nur sagen kann "Muss man gelesen haben" sonst hat man was verpaßt. Allerdings nicht, wenn man gerade selbst am Abgrund steht.
  22. Cover des Buches Das Ungeheuer (ISBN: 9783442749591)
    Terézia Mora

    Das Ungeheuer

     (35)
    Aktuelle Rezension von: mabo63

    Darius K. auf der Suche nach der Wahrheit über seine verstorbene Frau.

    Schwierig zu lesen da dass Buch zweigeteilt ist, oben die Erlebnisse seiner Reise durch halb Europa, unten die Tagebucheinträge seiner durch Suizid umgekommenen Frau.

    Musste mich durchbeissen und hat mich nicht leider überzeugt. Vielleicht muss ich es nochmals lesen, die Autorin wird ja vielerorts hochgelobt

  23. Cover des Buches Sunset (ISBN: 9783492274180)
    Klaus Modick

    Sunset

     (51)
    Aktuelle Rezension von: beccaris

    Die beiden Zeitgenossen Lion Feuchtwanger und Bertold Brecht verband nicht nur ihr schriftstellerisches Schaffen sondern vielmehr eine tiefe Freundschaft. Trotz grossen Gegensätzen haben sich die beiden gegenseitige immer wieder inspiriert. In dieser feinsinnigen und stillen Erzählung von Klaus Modick verwebt sich Vergangenheit und Gegenwart. Lion Feuchtwanger erinnert sich in seinem Haus am Meer Kaliforniens an die wunderbare Zeit mit seinem Weggefährten und die Nachricht vom Tode Brechts, der um einige Jahre jünger war als er selbst, trifft ihn schwer. Im Inneren oft als eigenen Sohn betrachtet, führt er geistige und träumerische Zwiegespräche mit seinem fernen Freund.

    Lion Feuchtwanger reflektiert aber auch über seine literarische Arbeit, über die Umstände der Zeit, die Geschichte Israels und Palästinas und die persönlichen und weltpolitischen Katastrophen. Er hat keine Wahl, wie Klaus Modick schreibt, sondern er muss sich der Wahrheit stellen, da er an den Sieg der Vernunft glaubt.

    Ein kleines Meisterwerk, das wie ich finde, sehr lesbar und lehrreich ist, in einer gepflegten und aussergewöhnlich schönen Sprache, die jeden Satz zu einem Lesegenuss macht.

  24. Cover des Buches Kintsugi (ISBN: 9783596704927)
    Miku Sophie Kühmel

    Kintsugi

     (74)
    Aktuelle Rezension von: usum56

    Der Titel Kintsugi, das Kunsthandwerk, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu reparieren hatte mich vor einiger Zeit auf dieses Buch neugierig gemacht und ich war gespannt, wie das hier auf Beziehungen angewendet wird.

    Die Autorin beschreibt ein Wochenende in einem Ferienhaus, vier Menschen treffen sich, um miteinander ein Jubiläum zu feiern. Ein Jubiläum in einer etwas eigenwilligen Beziehungskonstellation. Die Stimmungen und die feinen Nuancen der zwischenmenschlichen Gefühle werden dabei in einer, in meinen Augen, wunderschönen Sprache gezeichnet. Alle vier kommen abwechselnd in einem eigenen Kapitel zu Wort und obwohl ich mich selbst wieder in einer ganz anderen Situation befinde, konnte ich mit allen mitfühlen. Eine starke Leistung der Autorin, finde ich. 

    Am Ende gibt es zwar einige Brüche, aber nichts geht unwiderruflich kaputt. Das stimmt sehr versöhnlich, passt zu den japanischen Begriffen und gefiel mir ausnehmend gut.

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