Yulia Marfutova

 4 Sterne bei 22 Bewertungen

Lebenslauf von Yulia Marfutova

Yulia Marfutova, geboren 1988 in Moskau, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und promovierte in Münster. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie unter anderem das Arbeitsstipendium des Berliner Senats und den GWK-Förderpreis für Literatur. Sie war Stipendiatin des Brecht-Hauses und der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Meisterklasse der Berliner Festspiele und des Literarischen Colloquiums Berlin. 2021 wurde sie mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Yulia Marfutova lebt in Boston. «Der Himmel vor hundert Jahren» ist ihr erster Roman.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Cover des Buches Der Himmel vor hundert Jahren (ISBN: 9783863525088)

Der Himmel vor hundert Jahren

Neu erschienen am 15.11.2021 als Hörbuch bei Hierax Medien.

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Cover des Buches Der Himmel vor hundert Jahren (ISBN: 9783498001896)

Der Himmel vor hundert Jahren

 (22)
Erschienen am 23.03.2021
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Der Himmel vor hundert Jahren

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Erschienen am 15.11.2021

Neue Rezensionen zu Yulia Marfutova

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Rezension zu "Der Himmel vor hundert Jahren" von Yulia Marfutova

Mit leichtem Spott das Leben beschreiben
luisa_loves_literaturevor 2 Monaten

Der Himmel vor hundert Jahren war weit und doch sehr limitiert, begrenzt auf den eigenen, eng abgesteckten Lebensraum, auf überkommene Dorftraditionen, fernab von Fortschritt und Neuigkeit, aber durchdrungen von Neugier, Interesse am Nachbarn und an denen, die scheinbar etwas zu sagen hatten. Yulia Marfutova fängt mit zarter Ironie, feinem Humor und leichtem Spott die Skurrilitäten einer russischen Kleingemeinde ein, die sich nicht recht zwischen den Vorhersagen des rückwärtsgewandten Piotr und des wortkargen Ilja entscheiden mag. Aufregung und Neues scheint zunächst in der Person des jungen Wadiks im Dorf Einzug zu halten, dessen freundliche Übernahme des Interesses, wird aber später von der „Realität“ in den Schatten gestellt. Der Himmel vor hundert Jahren ist ein ruhiges, spitzfindiges und unterhaltsames Buch, eines, das einem gefällt, ohne einen völlig umzuhauen. Der Erzählstil ist für mich tatsächlich eine sehr große Freude gewesen, aber ich bin mir sehr bewusst, dass dieser polarisieren mag. Also: ausprobieren!

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Rezension zu "Der Himmel vor hundert Jahren" von Yulia Marfutova

Dorfleben in all seiner Ärmlichkeit
wandabluevor 2 Monaten

Ein kleines, sehr kleines Dorf irgendwo in Russland, weit weg, an einem Fluss, der „der Fluss“ heißt. Fluss und Wetter spielen eine wichtige Rolle im gemächlichen Leben. 

Der Kommentar:
Die Autorin versteht es wie vielleicht sonst keine, die zum Teil brutalen Vorkommnisse eines Dorflebens in Andeutungen zu verstecken. Vordergründig geschieht nichts, aber zwischen den Zeilen verstecken sich Geschichten. Da passiert etwas. Aber was? „Es gibt so viele Versionen der Geschichte wie Bewohner im Dorf.“ Hallo. Das kennen wir. Diese Aussage hat etwas Allgemeingültiges.

 Die Bewohner im Dorf werden weniger. Manche verschwinden. Dafür sind die Geister verantwortlich, sagt man sich. Die Flussgeister. Die Waldgeister. Im Dorf gibt es zwei Parteiungen. Warum? Weil. Ich sags nicht. Es liegt jedenfalls nicht am Röhrchen, das Ilja studiert und damit das Wetter vorhersagt. Sondern weil Iljas Frau mal was mit Pjotr hatte. Ausgesprochen wird im Dorf nichts. Obwohl es einige Konflikte gibt. Und Gefahren auch. Die Gefahren kommen von ausserhalb. Wo sie immer her kommen. Jetzt hab ichs doch gesagt, das mit Iljas Frau.

Der Roman ist in all seiner Schlichtheit zauberhaft und dabei hochphilosophisch. 

„Fällt ein Messer herunter kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabel feminin sind, Messer jedoch maskulin, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses.“ Ich komme aus dem Grinsen nicht heraus.

 Es gibt eine Menge in dem zugegebenermaßen handlungssparsamen Text zu entdecken.Wie das Fremde ins Dorf kommt. Wie man darauf reagiert. Wie Gastfreundlichkeit buchstabiert wird. Wie eine Seuche das halbe Dorf dahingerafft hat. Wie man weiterlebt, nachdem man Annuschka in den Wald geschickt hat. Und wie wieder Ruhe einkehrt. 

 Fazit: „Wer am Fluss wohnt, kann noch lange nicht schwimmen, wer am Fluss wohnt, besitzt nicht gleich ein Boot. Wer am Fluss wohnt, wohnt einfach nur am Fluss.“ Köstlich. 

Kategorie: Belletristik
Verlag: Rowohlt 2021
Auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2021 (Ich hätte ihm die Shortlist gewünscht).

Kommentare: 2
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Rezension zu "Der Himmel vor hundert Jahren" von Yulia Marfutova

Die (Be-)Deutungen von mmh.
angiolettavor 2 Monaten

Als ich „Der Himmel vor hundert Jahren“ aufklappte, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Sowohl die vorhandenen Rezensionen als auch der Klappentext waren mir zu vage gewesen. Aber gut, es steht auf der Liste der „Challenge für Anspruchsvolle Literatur“ und außerdem: das Cover! (Ist dieses Cover nicht toll?!) So landete dieses Buch schließlich auf meinem Lesestapel (danke, Dajobama!) und bald in meinen Händen.  

Ein Glücksgriff!
Denn schon die ersten Seiten hauten mich um!
Diese Sprache…!
Stakkatoartig fallen die Sätze, aber immer passgenau. Nicht immer halten sie sich an grammatikalische Regeln, sondern winden sich mehr der Zunge nach, gehen manchmal Umwege und schlenkern ein bisschen mit den Füßen dabei. Um dann doch wieder ganz treffend dort zu landen, wo sie hinmüssen. Sie hinterlassen Melodien im Ohr und Bilder im Kopf.

Völlig fasziniert folgte ich also einer vorwitzigen, leicht naiven, allwissenden Erzählstimme, die mir erst Ilja und danach Pjotr vorstellt, die beiden ältesten Herren des Dorfes am Fluss. „Dass niemand genau wissen kann, wie alt Ilja ist, bedeutet nicht, dass es keine Meinungen gibt. Irka zum Beispiel sagt, er ist so ungefähr, na so ungefähr, also älter als die große Trauerweide, das sicher nicht.“ (S. 11) Ilja hat ein Glasröhrchen, das ihm verrät, wie das Wetter werden wird und eine große Anhängerschaft, die sich nach seinen Weissagungen richtet. Pjotr hat kein Röhrchen, aber einen scharfen Beobachtungssinn. „Jeden Morgen nach dem ersten, aber noch vor dem zweiten Hahnenschrei – das ist die beste Zeit, sagt Pjotr – verlässt er das Haus, geht die große Straße hinunter, dann links, noch mal links und querfeldein zum Flussufer.“ (S. 12) Die Strömung des Flusses ist es, die Pjotr die Zukunft verrät und manch einer im Dorf hält sich lieber an Pjotr als an Ilja. „Nie aber stellt Ilja sich zu Pjotr, nie auch nur ein gewechseltes Wort zwischen den beiden, stattdessen Blicke, die, wenn sie nur könnten, Gnade einem Gott.“ (S. 21)

Die Erzählstimme erzählt, na klar, sie erzählt, wie es in diesem abgelegenen russischen Dorf so zu und her geht, erzählt mal über diesen und über jenen, was er oder sie so tut und was er oder sie so erzählt. Und deswegen richtet sich diese Stimme auch mehr nach der gesprochenen Sprache, irgendwie logisch, oder?! Verplappert sich hier und da, wiederholt sich auch gerne mal oder schweift zwischendurch ab, bricht manchmal sogar mitten – den Rest kann man sich eben denken. Ist ja nicht so. Und verliert trotzdem nie den roten Faden der Handlung.
Wobei: Handlung?
Nun, die Handlung besteht darin, dass Iljas Frau Inna ein Messer zu Boden fällt. „Man weiß ja, was man so sagt: Fällt ein Messer herunter, kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabel feminin, Messer dagegen maskulin sind, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses.“ (S. 16) Und ein paar Tage später kommt wirklich ein Mann ins Haus. Woher er kommt, weiß man nicht, fragt man auch nicht, aber bald wird klar: er würde gerne bleiben. Und dabei hat er nichts außer Hunger. Und Träume. Nur: „… weiß man manchmal nicht von diesem Traum, weil man zu beschäftigt ist mit seinem Hunger, aber wenn der Hunger der Hungrigen ein Maß übersteigt, dann erscheint ihnen in ihren Träumen der Traum ganz von allein…“ (S. 105) Mit den Träumen haben es die Dorfbewohner nicht so, aber mit seinen starken Armen. Ob er bleiben darf und wird? Dann taucht auch noch die Realität im Dorf auf. Was die eigentlich vorhat?

Nein, es ist eben nicht die Handlung, von der dieses Buch lebt, das sich so wunderbar dem Mainstream entzieht. Sondern einzig, wie sie beschrieben ist. (Es ist also kein Zufall, dass ich so viel zitiere…)

Mmh…
sagt Ilja, nachdem er das Röhrchen betrachtet hat.
Wer handfeste Informationen und klare Aussagen sucht, wartet vergebens. Im fernen Russland genau so wie hier.
Denn dies ist ein Buch der Deutungen. Und der Andeutungen. Und Umdeutungen. Über die Bedeutung von Mmh.

Seien wir ehrlich: im Grunde sind wir froh, dass wir in unserer aufgeklärten, modernen Gesellschaft nicht mehr an Wasser- und Waldgeister, an Röhrchen und ihre wortkargen Deuter halten müssen.
Doch gerade wenn wir die letzten zwei Jahre Revue passieren lassen, wird auffällig, wie oft wir selbst vor dem Fernseher (einer Röhre!) sitzen und nur „mmh“ hören. Natürlich in viele schöne Wörter verkleidet. Aber unter dem Strich nur ein mmh. Vielleicht wird es Regen geben, vielleicht nicht. Vielleicht werden die Inzidenzen runter gehen, vielleicht nicht.
Und dann spalten sich die Zuhörer, die Dorfbewohner, die modernen Menschen. Die einen werden Iljanisten und Pjotristen. Die einen sind dafür, die anderen dagegen. Die einen lassen sich impfen, die anderen nicht. Da kann schon mal ein Streit ausbrechen. Dabei will man eigentlich nur auf der richtigen Seite stehen. Und wenn diese nur „mmh“ sagt, umso besser, dann kann man immer noch sagen, man hat recht behalten.

So ist der Himmel vor hundert Jahren wohl ein ganz ähnlicher Himmel wie heute – oder zumindest, wie es darunter zu und her geht. „Man sagt, dort sei der Himmel höher gehängt – oder war es tiefer? Eins von beidem. Man sagt, dort sei drüben; hier sei hier. Das lässt sich ganz zweifelsfrei sagen.“ (S. 33)

Zweifelsfrei kann ich auch sagen, dass dieses Buch mein Überraschungs-Highlight des Jahres ist. Während ich alle anderen dieses Jahr gelesenen Bücher habe weiterziehen lassen, bleibt dies bei mir, damit ich es bei Belieben aufschlagen und mir einfach ein paar prägnante, messerscharfe, butterweiche, auf der Zunge zergehende, von Schalk und Weisheit strotzende Sätze zu Gemüte führen kann!

„… man muss die Zukunft bald anbrechen machen, wenn die Zukunft nicht von alleine losbricht, schon möglich, dass die Zukunft noch nichts von ihrem Schicksal weiß, von ihrem Anbrechen, das dringend benötigt wird, man hat jetzt nur keine Zeit abzuwarten, bis die Zukunft von alleine begreift, was sie zu tun hat…“ (S. 105)

Ein wunderbares Buch für alle, die lyrische Texte mögen!

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