Sofi Oksanen

 4 Sterne bei 227 Bewertungen
Autor*in von Fegefeuer, Hundepark und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Sofi Oksanen

Sofi Oksanen, geboren 1977, Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, studierte Dramaturgie an der Theaterakademie von Helsinki. Ihr dritter Roman, »Fegefeuer«, war monatelang Nummer eins der finnischen Bestsellerliste und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Finlandia-Preis, dem Literaturpreis des Nordischen Rates und dem Prix Femina. Der Roman erschien in über vierzig Ländern und machte die Autorin auch in Deutschland zu einer der wichtigsten Vertreterinnen der internationalen Gegenwartsliteratur. Sofi Oksanen lebt in Helsinki.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Cover des Buches Baby Jane (ISBN: 9783462004090)

Baby Jane

 (4)
Neu erschienen am 12.01.2023 als Gebundenes Buch bei Kiepenheuer & Witsch.

Alle Bücher von Sofi Oksanen

Cover des Buches Fegefeuer (ISBN: 9783442713042)

Fegefeuer

 (109)
Erschienen am 09.11.2015
Cover des Buches Hundepark (ISBN: 9783462000115)

Hundepark

 (43)
Erschienen am 13.01.2022
Cover des Buches Stalins Kühe (ISBN: 9783442743643)

Stalins Kühe

 (25)
Erschienen am 10.02.2014
Cover des Buches Als die Tauben verschwanden (ISBN: 9783442749126)

Als die Tauben verschwanden

 (23)
Erschienen am 08.03.2016
Cover des Buches Die Sache mit Norma (ISBN: 9783442715039)

Die Sache mit Norma

 (7)
Erschienen am 14.01.2019
Cover des Buches Baby Jane (ISBN: 9783462004090)

Baby Jane

 (4)
Erschienen am 12.01.2023
Cover des Buches Fegefeuer (ISBN: 9783869091174)

Fegefeuer

 (5)
Erschienen am 01.08.2012
Cover des Buches Als die Tauben verschwanden (ISBN: 9783844910100)

Als die Tauben verschwanden

 (4)
Erschienen am 08.08.2014

Neue Rezensionen zu Sofi Oksanen

Cover des Buches Baby Jane (ISBN: 9783462004090)
awogflis avatar

Rezension zu "Baby Jane" von Sofi Oksanen

Toxische lesbische Beziehung
awogflivor 9 Tagen

Ein früher Roman der von mir sehr verehrten finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen ist heuer erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Der typische und von mir heißgeliebte Oksanen-Stil blitzt zwar schon in einigen Sequenzen der Geschichte durch, die Autorin hat dieses innovative Merkmal aber erst in späteren Werken zur Perfektion entwickelt. Unter diesem Aspekt ist auch Baby Jane zu betrachten.

In der Geschichte geht es um die lesbische Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin und Piki, ergo um vulnerable homosexuelle Frauen am Rande der Gesellschaft, wie sie trotz multipler, nicht richtig diagnostizierter und therapierter Persönlichkeitsstörungen mit Selbstmedikation by Trial and Error und prekären Arbeiten im Sexbusiness irgendwie über die Runden kommen und dahinwursteln. Möglicherweise könnte man sogar, wie im Klappentext angekündigt, von einer latenten Dreiecksbeziehung sprechen, wenn Protagonistin Piki nicht so eine Serienmonogamistin wäre, die vergangene Liebesbeziehungen in Freundschaften umwandelt und die Verflossene als Krücke bei der Bewältigung ihrer Angststörung und des Alltages ausnutzt.

Piki und die Ich-Erzählerin therapieren also ihre Phobien und Depressionen selbst mit Drogen, Alkohol und verschreibungspflichtigen Medikamenten aus dem Internet. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt abseits des normalen Arbeitsmarktes, in Ermangelung einer offiziellen Diagnose, um staatliche Hilfe zu bekommen, mit einer Telefonsex Hotline und einem Versand für gebrauchte Frauen-Höschen. So können sie ihre angehäuften Schulden zahlen, die Kosten für ihr Leben bestreiten und trotz ihrer psychischen Defizite irgendwie funktionieren. Zu Beginn wird also, trotz aller widrigen Umstände und Probleme irgendwie glattgehendes Lesbenleben am Rande der Gesellschaft dargestellt.

Es wäre aber nicht Sofi Oksanen, wenn nicht in zwei Erzählsträngen, die zeitlich auseinanderliegen, angedeutet würde, dass etwas ganz gehörig schief gegangen ist. Denn die Ich-Erzählerin ist nach dem lange vage angedeuteten „Ereignis“ nun in einer heterosexuellen Beziehung. Der Mann versorgt sie zwar finanziell sehr gut, dennoch sehnt sie sich nach dem Leben und der Liebe zu Pixi zurück, sie ist im Inneren eine Lesbe geblieben, lebt aber gerne in der beschützenden Blase eines bürgerlichen Lebens ohne Geldsorgen.

Nach und nach wird in Minihäppchen offengelegt, was ungefähr passiert sein könnte, wobei mir in diesem Fall am Ende der Geschichte einfach vieles an Kontext fehlt. Die Figuren sind eben nicht ganz so tief entwickelt, wie ich es von Oksanen gewohnt bin. Warum ist die Ich-Erzählerin gar so ausgetickt und was ist wirklich genau am Tag X mit dem Messer passiert? Diese Details deckt die Autorin diesmal nicht auf und versteckt sich hinter einer vorübergehenden Amnesie. Auch der Umstand, warum Piki nach dem Eklat doch wieder eine Annäherung zulässt, wird psychologisch nicht thematisiert. Hier bleiben die Figuren einfach zu flach, die Motive unausgesprochen und die Handlung zu inkonsistent beleuchtet. Alles wird unter dem Deckmantel der Vernebelung versteckt. So ein Umgang mit Hintergründen durch Unterdrückung von Wahrheiten und Gefühlen bin ich von der Autorin einfach nicht gewohnt. Dadurch werden die Figuren blass und agieren inkonsistent und ambivalent, weil die Leserschaft einfach nicht weiß, warum sie so handeln, wie beschrieben.

Stilistisch und sprachlich hat Oksanen ihr persönliches innovatives Konzept von Anfang an gefunden, und dem ist sie bis jetzt treu geblieben. Von der tiefen konsistenten Figurenentwicklung her, musste und hat sie sich aber bis heute ordentlich entwickelt.

Fazit: Neulinge im Oksanen-Universum sollten anstatt Baby Jane zuerst eher spätere Werke von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit lesen, um einen richtigen Eindruck vom Schreibhandwerk, der Fabulierkunst und der grandiosen Figurenentwicklungsfähigkeit der Autorin zu bekommen: Hundepark und Fegefeuer. Genau in dieser Reihenfolge empfehle ich den Einstieg ins Oeuvre der Schriftstellerin. Für Oksanen-Kenner und Fans ist Baby Jane aber durchaus spannend zu lesen, vor allem insofern, um zu sehen, wie sehr sie sich weiterentwickelt hat.

Kommentare: 15
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Cover des Buches Baby Jane (ISBN: 9783462004090)
Gruenentes avatar

Rezension zu "Baby Jane" von Sofi Oksanen

toxische Dreiecksbeziehung
Gruenentevor 16 Tagen

Der Roman Baby Jane wurde bereits 2005 veröffentlicht, aber erst jetzt auch deutsch. Häufig sind diese nachgereichten Bücher nicht so gut, noch nicht ausgereift. Doch dass kann ich von Baby Jane nicht behaupten.

Es geht hier um eine junge Frau, die aus ihrer Perspektive erzählt. Ihr Name wird nicht erwähnt.
Sie verliebt sich in Piki, eine schöne, junge. Charmante Frau.
Temporeich wird der Beginn ihrer Beziehung beschrieben. Viel Party, Sex, Alkohol, Medikamente.
Beide Frauen haben eine psychische Erkrankung. Depressionen, Angst- und Panikstörungen. Trotzdem geben sie sich Gegenseitig Halt und Sicherheit.
 Doch als kein Geld mehr da ist, müssen sie welches beschaffen. Einem regelmäßigen Job fühlen sich beide nicht gewachsen. So ziehen sie ein windiges Geschäft mit gebrauchter Unterwäsche auf.

Dann Teil zwei des Buches. Plötzlich lebt „Ich“ mit einem Typen zusammen. Doch sie verzehrt sich nach Piki. Doch was dazwischen passiert ist wird erst nach und nach aufgedeckt.

Es geht viel um Bossa, eine Ex von Piki. Bossa kümmert sich Vordergründig um die Exfreundin. So gerät Piki immer weiter in eine starke Abhängigkeit, auch aufgrund ihrer Erkrankung.
 Im Folgenden klärt sich wie „Ich“ in die Wohnung des Mannes gekommen ist, warum sie sich vorher von Piki getrennt hat und wie es mit den beiden weiter geht.

Die Ereignisse am Ende sind dramatisch-tragisch.

Lose lehnt sich das Buch an den Film „Was geschah wirklich mit Baby Jane“ an. Auch dort geht es um eine toxische Abhängigkeitsbeziehung, allerdings zwischen zwei Schwestern.

Ich fand das Buch spannend, toll geschrieben und habe es in einem Rutsch ausgelesen. Nur manchmal war ich etwas verwirrt, ob es sich gerade um einen Rückblick oder eine spätere Szene handelt. Da musste man schon konzentriert bei der Sache bleiben.
 Ich mag den Stil von Oksanen sehr.


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Cover des Buches Baby Jane (ISBN: 9783462004090)
GAIAs avatar

Rezension zu "Baby Jane" von Sofi Oksanen

„Von den falschen Taten die allerfalschesten.“
GAIAvor 17 Tagen

Mit „Baby Jane“ erscheint dieser Tage der zweite Roman der finnisch-estnischen Autorin Sofi Oksanen, ins Deutsche übersetzt von Angela Plöger. Dieser 2005 erstmals auf Finnisch erschienene Roman enthält bereits alle Bestandteile späterer Werke der Autorin. Es geht um die toxische Beziehung eines lesbischen Paares, verwebt darin das Leben mit und den sozialen Abstieg aufgrund von psychischen Erkrankungen, wirft einen Blick auf den Broterwerb im Zwielicht der Gesellschaft und verortet das Ganze in der Homosexuellenszene Helsinkis.

Wie auch schon in ihrem aktuellstem Werk „Hundepark“ erfahren wir gleich zu Beginn, in welchem Zeitraum sich die Romanhandlung abspielen wird. So legt die Autorin die Handlung von 1995 bis 2005 an. Die Ich-Erzählerin berichtet uns von ihrem Ankommen in der Gay Szene Helsinkis Mitte der 1990er Jahre. Dort initiiert wird sie durch die burschikose Piki. Eine Beschützerin, die die sehr feminine Erzählerin aufnimmt und mit Haut und Haaren in eine leidenschaftliche, lesbische Beziehung umschließt. Doch das Glück beginnt nach und nach zu bröckeln. Durch einen Zeitsprung nach nur wenigen Seiten des Buches ans Ende des genannten Zeitraums erfahren wir, dass diese Liebesbeziehung nicht gut ausgehen wird.

Oksanen nimmt uns ganz selbstverständlich mit in die lesbische Beziehung der beiden Protagonistinnen, führt uns ein in die Szene Helsinkis, die noch halb in verborgenen Nachtclubs stattfindet und mit den Ausläufern der AIDS-Epidemie zu kämpfen hat. Sie hebt das Tabu um die Beschreibung lesbischer Sexualität auf und beschreibt intensiv die erste, leidenschaftlich-sexuelle Phase der Liebesbeziehung. Und genauso ungeschönt bewegen sich die Frauen auf eine Katastrophe zu und wir erkennen nach und nach die toxischen Anteile der Beziehung. Denn die Ich-Erzählerin, selbst an Depressionen erkrankt, erfährt nicht nur immer mehr über die stark einschränkenden psychischen Erkrankungen ihrer Geliebten und verstrickt sich in (Co-)Abhängigkeiten zu ihr, sondern findet sie auch heraus, dass eine längst verflossene Ex-Freundin Pikis, Bossa, ebenso in einer Abhängigkeit zu Piki steht und sie durch Aufrechterhaltung wiederum einer Abhängigkeit von Piki zu ihr ein gefährliches Beziehungsgeflecht heraufbeschwört. Immer stärker gewinnt die Phrase „Leidenschaft, die Leiden schafft“ hier an Bedeutung und lässt bei den Leser:innen schlimme Vorahnungen aufkommen. Es ist dabei hervorzuheben, dass die Autorin nicht einem Narrativ folgt, indem nur eine Person in der Beziehung zu deren Untergang beiträgt, sondern alle Beteiligten Fehler machen. So sagt die Erzählerin über sich selbst an einer Stelle, die habe „von den falschen Taten die allerfalschesten“ begangen. Das Aufschlüsseln dieser Beziehungsdynamiken und der entsprechenden Mechanismen gelingt der Autorin einfach ganz hervorragend.

Besonders eindrücklich schafft es Oksanen - mal wieder - sehr gut recherchierte, gesellschaftliche Themen in den Romanplot einfließen zu lassen, ohne dass es belehrend wirkt. So erfahren die Lesenden sehr viel über psychische Erkrankungen, deren Behandlung und der, wenn nicht genügend finanzielle Ressourcen vorhanden sind, soziale Abstieg, der damit in Verbindung stehen kann. Somit verbindet sie nicht nur den Themenbereich „class“ mit psychischer Gesundheit sondern auch sexueller Orientierung. So müssen sich die Protagonistinnen einen Broterwerb (rund um sexuelle Fetische) im Zwielicht der Gesellschaft suchen, ein Themenkomplex, der immer wieder in den Werken Oksanens eine Rolle spielt. So packt sie nicht einfach nur aktuelle Problemthemen in einen Roman und erwähnt diese Probleme nur am Rande, um sie in den Ring zu werfen und en vogue zu sein. Nein, sie verhandelt ausgesuchte Bereiche, die wie oben bereits erwähnt, sehr ausführlich und gut recherchiert sind. So ist dieser Roman nicht nur erzählerisch interessant sondern auf jeden Fall ebenso intellektuell anregend.

Sprachlich geht die Autorin gewohnt schonungslos und rasant vor. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und das muss man mögen. Ich mag ihre Sprache, in der tollen Übersetzung von Angela Plöger, ebenso sehr, wie den Aufbau des Romans mit seinem zu Beginn angedeutetem Unheil, welches aber en detail erst ganz zum Schluss zutage gefördert wird und überrascht. So avanciert der Roman zu einem echten Pageturner mit Niveau. Ich wurde in die Geschichte dieser Frauen, die nicht mit aber auch nicht ohne einander sein können, hineingezogen und habe entsprechend das Buch kaum weglegen können. Wegen mir hätte der Roman gern den Umfang von „Hundepark“ haben können. So bleibt es aber ein kleiner, rasant erzählter Roman, der mich trotzdem vollkommen überzeugt hat vom schriftstellerischen Können der Autorin.

Wer also den Sprung in eine ungemütliche, schonungslose und gleichzeitig literarisch ansprechende Geschichte wagen möchte, dem empfehle ich diesen Roman aus dem Frühwerk von Sofi Oksanen sehr. Ein kleines Highlight in diesem noch jungen Jahr 2023.

5/5 Sterne

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