Erich Fromm

 4,2 Sterne bei 616 Bewertungen
Autor von Die Kunst des Liebens, Haben oder Sein und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Erich Fromm

Erich Fromm, Psychoanalytiker und Sozialphilosoph, wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren. Nach seiner Promotion in Soziologie 1922 in Heidelberg kam er mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds in Berührung und wurde Psychoanalytiker. 1933 verließ er Deutschland, zunächst ging er nach Genf. 1934 emigrierte er in die USA, wo er an verschiedenen Instituten lehrte, und anschließend, von 1950 bis 1974, an der Universität von Mexiko City unterrichtete. Seine einflussreichsten Werke sind ›Die Furcht vor der Freiheit‹, ›Die Kunst des Liebens‹ und ›Haben oder Sein‹. Er starb 1980 in Locarno in der Schweiz.    

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Erich Fromm

Cover des Buches Die Kunst des Liebens (ISBN: 9783548377513)

Die Kunst des Liebens

 (254)
Erschienen am 17.11.2017
Cover des Buches Haben oder Sein (ISBN: 9783423195195)

Haben oder Sein

 (131)
Erschienen am 21.06.2011
Cover des Buches Die Furcht vor der Freiheit (ISBN: 9783423350242)

Die Furcht vor der Freiheit

 (16)
Erschienen am 01.03.1993
Cover des Buches Die Seele des Menschen (ISBN: 9783423348805)

Die Seele des Menschen

 (16)
Erschienen am 18.03.2016
Cover des Buches Vom Haben zum Sein (ISBN: 9783548367750)

Vom Haben zum Sein

 (13)
Erschienen am 12.04.2005
Cover des Buches Authentisch leben (ISBN: 9783451069680)

Authentisch leben

 (12)
Erschienen am 17.11.2017
Cover des Buches Den Menschen verstehen (ISBN: 9783423349284)

Den Menschen verstehen

 (10)
Erschienen am 08.09.2017
Cover des Buches Die Pathologie der Normalität (ISBN: 9783548367781)

Die Pathologie der Normalität

 (9)
Erschienen am 12.04.2005

Neue Rezensionen zu Erich Fromm

Cover des Buches Die Furcht vor der Freiheit (ISBN: 9783423350242)Vera-Seidls avatar

Rezension zu "Die Furcht vor der Freiheit" von Erich Fromm

Die Furcht vor der Freiheit oder fremdgesteuerte Marionetten
Vera-Seidlvor 3 Monaten

Da mir die Menschen in meiner Umgebung immer mehr wie fremdgesteuerte Marionetten erscheinen, suchte ich nach Literatur, die dieses Phänomen genauer betrachtet.


Durch Erich Fromms Werk "Die Furcht vor der Freiheit" aus dem Jahr 1941 fand ich nicht nur Antworten auf meine Fragen, sondern gewann auch Erkenntnis darüber, dass es in meiner Persönlichkeit ebenfalls noch einen Anteil gab, der meinem Leben nicht dienlich ist.


 


Am Ende des Mittelalters sei der Mensch den sozialen Gemeinschaften, entwachsen, aber als Individuum noch nicht gefestigt, so dass er sich isoliert und verloren fühlte.


Die Freiheit hatte ein Doppelgesicht. Die "Freiheit von" war in Teilen errungen, bis zur "Freiheit zu" fehlte ein großer Schritt.


 


"Es steht zu bezweifeln, ob die mächtigen Herren des Kapitalismus der Renaissance sich wirklich so glücklich und sicher fühlten, wie sie oft hingestellt werden. Die Freiheit scheint ihnen zweierlei eingebracht zu haben: ein wachsendes Gefühl der Stärke und zugleich größere Vereinsamung, Zweifel und Skepsis (vgl. J Huizinga, 1930, S. 159) und als Folge von all dem Angst.


 


Gründlich analysiert Fromm den autoritären Charakter am Beispiel von Martin Luther und Adolf Hitler, die sich nach oben ducken und nach unten treten. Gott wird bei Luther auf einen Sockel gehoben, von dessen Gnade der Mensch völlig abhängig sei. Bei Hitler ist es ebenfalls Gott, aber auch die Natur oder das Schicksal, dem er sich unterwirft.


 


"Sie suchen Sicherheit, indem sie ihr isoliertes Selbst ausschalten, und zu einem Werkzeug in den Händen einer überwältigend starken Macht außerhalb ihrer selbst werden. Für Luther war diese Macht Gott, und er suchte Sicherheit, indem er sich ihm uneingeschränkt unterwarf. Aber wenn es ihm auch gelang, auf diese Weise seine Zweifel bis zu einem gewissen Grade zum Schweigen zu bringen, so verschwanden diese in Wirklichkeit nie."


 


Sehr spannend fand ich auch, was der Psychoanalytiker über den magischen Helfer schrieb. Er habe die Aufgabe "den Betreffenden zu beschützen, ihm zu helfen und ihn voranzubringen, immer an seiner Seite zu sein und ihn nie zu verlassen." Häufig sei der magische Helfer personifiziert. "Man stellt sich ihn als Gott vor, als ein Prinzip oder auch als wirkliche Person, wie etwa seine eigenen Eltern, seinen Mann, seine Frau oder seinen Vorgesetzten." Die Beziehung zu ihm sei eine symbiotische und zeuge von der Unfähigkeit der Person, allein sein zu können "und die eigene individuelle Persönlichkeit voll zum Ausdruck zu bringen."


 


Was der Autor über die Auswirkungen der Lehre Johannes Calvins schrieb, hat mich fast umgehauen. "Gott habe nicht nur einige für die Erlösung ausersehen, sondern auch andere für die ewige Verdammnis vorherbestimmt." Der Erfolg sei ein Zeichen, wer zu denen gehörte, die für die Erlösung ausgewählt wurden. Das "führte zur Herausbildung eines Charakterzuges, der für den Calvinismus typisch ist: zu einem Überaktivismus und zum Streben, immer irgenwas zu tun."


 


Von meinem Überaktivismus habe ich mich lösen können, den Wunsch nach Erfolg, im Sinne von Anerkennung meiner Leistungen durch andere Menschen, aber kenne ich gut. Nach dem Lesen des Buches habe ich mir vorgenommen, nur noch das "spontane Tätigsein" als Erfolg zu werten. "Spontanes Tätigsein ist die freie Aktivität des Selbst im Sinne der latainischen Wurzel des Wortes sponte, was wörtlich soviel bedeutet wie 'aus freien Stücken'."


 


"Spontanes Tätigsein ist der einzige Weg, auf dem man die Angst vor dem Alleinsein überwinden kann, ohne die Integrität seines Selbst zu opfern, denn in der spontanen Verwirklichung des Selbst vereinigt sich der Mensch aufs Neue mit der Welt - mit dem Menschen, der Natur und sich selbst."


 


Nach Calvin waren die Menschen nicht gleich, sondern erwählt oder verdammt, womit er eine Grundlage für die Verfolgung, Versklavung und Vernichtung der Erfolglosen schuf.


Die Flucht ins Destruktive ist die zweite, die Erich Fromm nach der ins Autoritäre in seinem Buch beschreibt. "Die Zerstörung der Welt ist der letzte, verzweifelte Versuch, mich davor zu retten, von ihr zermalmt zu werden."


 


Der Mensch fliehe aber auch ins Konformistische, um seiner Angst vor der Isolation als wirklich freies Individuum zu entgehen. Er übernimmt das Denken, Fühlen und Wollen der großen Masse, ohne sein eigenes Selbst zu kennen, womit wir wieder bei den Marionetten wären.


 


"Sehr viele unserer Entschlüsse sind nicht wirklich unsere Entscheidungen, sondern werden uns von außen suggeriert. Wir bringen es fertig, uns einzureden, es handle sich um unsere eigenen Entscheidungen, aber in Wirklichkeit verhalten wir uns so, wie es die anderen von uns erwarten, und das tun wir aus Angst vor der Isolierung und weil wir unser Leben, unsere Freiheit und unsere Behaglichkeit unmittelbar bedroht fühlen."


 


Häufig lässt Fromm andere Persönlichkeiten sprechen, was nicht nur sein enormes Wissen zeigt, sondern auch seine Analysen und Thesen belegt.


Das Buch ist hervorragend gegliedert. Es gibt Ausblicke auf Folgendes und auch hilfreiche Zusammenfassungen.


Durch Wiederholungen prägt sich der Text ein.


 


Das Vorwort schrieb der Herausgeber Rainer Funk, wofür ich ihm herzlich danke.


Zuletzt verneige ich mich vor einer großen Seele, Erich Pinchas Fromm.


 


Vera Seidl


 


 


 


 

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Cover des Buches Die Kunst des Liebens (ISBN: 9783895845352)Vera-Seidls avatar

Rezension zu "Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm

Warum ist das Buch noch keine Pflichtlektüre in den Schulen?
Vera-Seidlvor 6 Monaten

Man kennt Erich Fromm als deutsch-US-amerikanischen Psychoanalytiker, Philosophen und Sozialpsychologen. Bücher wie "Die Kunst des Liebens" und "Haben oder sein" haben Weltruhm erlangt, aber die wenigsten wissen, dass der Autor aus einer streng jüdischen Familie kam und ursprünglich Rabbiner werden wollte. Dieses In-die-Liebe-hineingewachsen-sein spiegelt sich überall im Buch "Die Kunst des Liebens" wieder, auch wenn Fromm seine orthodoxe Lebensweise aufgab, als er Psychoanalytiker wurde.

Deshalb haben mich seine biblischen Interpretationen besonders beeindruckt.
Schon immer hatte ich gedacht, dass Gott das Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, nur ausgesprochen hatte, weil er Adam und Eva als kleine Kinder betrachtete, die gern mal ein Verbot übertreten, um zu sehen, was dann passiert. Fromm sieht darin Freiheit, die Freiheit zum Ungehorsam. Die Menschen haben die Wahl, etwas zu tun oder zu lassen. Ja, genau, rufe ich herzlich dankend.

"Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben", schreibt Fromm. Dann verdeutlicht er das am Beispiel des Propheten Jona, der ein starkes Gefühl für Recht und Ordnung hat, aber kein Verständnis für Gnade. Als Gott die Menschen in Ninive verschont und Jonas schattenspendenden Rizinusstrauch verdorren lässt, beschwert sich der Prophet bei Gott. "Was Gott Jona antwortet, ist symbolisch zu verstehen. Er erklärt ihm, dass das Wesen der Liebe darin besteht, für etwas 'zu arbeiten' und 'etwas aufzuziehen', dass Liebe und Arbeit nicht voneinander zu trennen sind."

An sieben Tagen erschuf Gott die Welt. Das sei Fürsorge, so der Autor. "Aber Gott geht über dieses notwendige Minimum hinaus: An jedem Tag der Schöpfung sagt Gott eigens zu dem, was er geschaffen hat: 'Es ist gut!'" In dieser besonderen Bestätigung komme die bedingungslose, mütterliche Liebe zum Ausdruck, die Fromm als das Endziel jeglicher Liebe ansieht. Mütterliche Liebe ist Nächstenliebe. Der Säugling braucht sie, die Mutter gibt sie. Weiter hinten im Buch schreibt Fromm: "Es gibt keine 'Arbeitsteilung' zwischen der Liebe zu den eigenen Angehörigen und der Liebe zu Fremden."

Über die Feindesliebe schreibt der Autor nichts. Deshalb möchte ich das hier ergänzen. Stellen Sie sich ein Vergewaltigungsopfer vor, dass dem Täter so sehr vergibt, dass es ihm hilft, sich seinem Narzissmus zu stellen, um zu seinem wahren Selbst, zur Kunst des Liebens zu finden. Wenn der Täter das schaffen sollte, wird er zur Dankbarkeit und Liebe fähig werden und kann dann auch sich selbst vergeben. Die Rollen von Täter und Opfer würden aufgehoben sein. Die Gewalt wäre zur Liebe transzendiert. Damit meine ich nicht, dass Täter und Opfer jetzt ein Paar werden, sondern dass sie für alles, was existiert, Liebe empfinden könnten.

Besonders spannend fand ich auch das Kapitel über die Selbstliebe, in welchem Fromm deutlich zwischen wahrer Selbstliebe und Selbstsucht sowie Selbstlosigkeit unterscheidet.
Selbstliebe schafft Frieden, während Selbstsucht, dem Selbsthass entspringt, alles um sich herum gierig verschlingt, um am Ende nur noch gieriger zu sein, es herrscht Krieg. "Die Bedürfnisse anderer interessieren ihn nicht, und er hat keine Achtung vor ihrer Würde und Integrität. Er kann nur sich selbst sehen; einen jeden und alles beurteilt er nur nach dem Nutzen, den er davon hat."
Der Selbstlose tue nichts für sich selbst und sei deshalb ebenso unfähig zu lieben wie der Selbstsüchtige. Super erkannt, liebe Seele! Dankeschön!

Trotz aller Spannung stellte sich ungefähr in der Mitte des Buches ein leichtes Unwohlsein bei mir ein, das etwas mit Langeweile zu tun hatte. Das lag nicht an der Lektüre, sondern an mir. Ich konsumierte Fromms Meisterwerk nur. Ich verleibte mir ein Objekt ein, ohne mich mit ihm zu verbinden. Es fehlte die "Kunst des Liebens".
"Dem kann ich abhelfen!", dachte ich grinsend. Nein, nicht durch einen orgastischen Zustand, auch nicht mit Konformität.
Schon lange, bevor ich den Bestseller gelesen habe, hatte ich die Bedeutung der Kreativität entdeckt. "Eine dritte Möglichkeit, zu neuer Einheit zu gelangen, liegt in schöpferischen Tätigsein, sei es das eines Künstlers oder eines Handwerkers." Seit fünf Jahren nun schon bin ich Schriftstellerin und kann Ihnen versichern, dass das "Die Kunst des Liebens" extrem steigert. Frau erwartet am Ende nicht einmal mehr Medaillen in Form von Geld für ihr Schaffen, sondern ist nur noch voller Freude, das Tun zu dürfen, sein zu dürfen. Wahre Liebe!

Das Prinzip des Kapitalismus hält Fromm für unvereinbar mit dem der Liebe. Im Kapitalismus herrsche eine Fairness-Ethik. Man gehe im Kampf um die Produktionsmittel fair miteinander um, mehr nicht. Der Nächste wird lediglich respektiert, aber nicht geliebt.
"Selbst wenn man erkannt hat, dass das Prinzip des Kapitalismus mit dem Prinzip der Liebe an sich unvereinbar ist, muss man doch einräumen, dass der 'Kapitalismus' selbst eine komplexe, sich ständig verändernde Struktur hat, in der immer noch recht viel Nicht-Konformität und persönlicher Spielraum möglich ist."

Im Kapitel "Liebe zu Gott" erinnerte mich Fromm daran, wie viel Mutterliebe im Protestantismus steckt, obwohl Luther seine Zweifel an der bedingungslosen Liebe ausdrückte, indem er die Heilige Jungfrau verbannte.
Taoismus, Brahmanismus, Judentum, Meister Eckhart und Paul Tillich führt er zusammen, indem er auf die Transzendenz Gottes im Handeln verweist. "Kurz, das paradoxe Denken führte zur Toleranz und zur Bemühung sich selbst zu wandeln. Der aristotelische Standpunkt führte zum Dogma und zur Wissenschaft, zur katholischen Kirche und zur Entdeckung der Atomenergie."

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Praxis der Liebe. Dort erfuhr ich, dass frau Liebe durch Disziplin, Konzentration, Geduld und Hingabe lernt. Tugenden, die in unserer Gesellschaft fast gänzlich verloren seien. Statt Liebe herrsche die Vergnügungssucht, die immer mehr will und niemals Frieden findet.

Fromms bedeutende Einleitung habe ich mir für den Schluss aufbewahrt. "Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz."
"Mit der Geburt (der menschlichen Rasse wie auch des einzelnen Menschen) wird der Mensch aus einer Situation, die so unbedingt festgelegt war wie die Instinkte, in eine Situation hineingeschleudert, die nicht festgelegt, sondern ungewiss und offen ist. Nur in Bezug auf die Vergangenheit herrscht Gewissheit, und für die Zukunft ist nur der Tod gewiss."

"Ich weiß, dass ich nichts weiß." (Sokrates) Deshalb folge ich meinem Gewissen und das ist "Die Kunst des Liebens".
65 Jahre alt schon ist der Bestseller. Warum haben ihn so wenige Menschen verstanden? Denn wenn sie es hätten, sähe die Welt heute anders aus. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre in den Schulen werden. Vielleicht erreicht es Jugendliche noch eher als Erwachsene, denn diese sind durch ihr Alter noch näher an dem Zustand vor und nach ihrer Geburt, wo sie hoffentlich Mutterliebe, Urvertrauen erfahren haben.

 Vera Seidl 

 

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Cover des Buches Die Kunst des Liebens (ISBN: 9783548377513)Vera-Seidls avatar

Rezension zu "Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm

Warum ist das Buch noch keine Pflichtlektüre in den Schulen?
Vera-Seidlvor 6 Monaten

Man kennt Erich Fromm als deutsch-US-amerikanischen Psychoanalytiker, Philosophen und Sozialpsychologen. Bücher wie "Die Kunst des Liebens" und "Haben oder sein" haben Weltruhm erlangt, aber die wenigsten wissen, dass der Autor aus einer streng jüdischen Familie kam und ursprünglich Rabbiner werden wollte. Dieses In-die-Liebe-hineingewachsen-sein spiegelt sich überall im Buch "Die Kunst des Liebens" wieder, auch wenn Fromm seine orthodoxe Lebensweise aufgab, als er Psychoanalytiker wurde.

Deshalb haben mich seine biblischen Interpretationen besonders beeindruckt.
Schon immer hatte ich gedacht, dass Gott das Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, nur ausgesprochen hatte, weil er Adam und Eva als kleine Kinder betrachtete, die gern mal ein Verbot übertreten, um zu sehen, was dann passiert. Fromm sieht darin Freiheit, die Freiheit zum Ungehorsam. Die Menschen haben die Wahl, etwas zu tun oder zu lassen. Ja, genau, rufe ich herzlich dankend.

"Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben", schreibt Fromm. Dann verdeutlicht er das am Beispiel des Propheten Jona, der ein starkes Gefühl für Recht und Ordnung hat, aber kein Verständnis für Gnade. Als Gott die Menschen in Ninive verschont und Jonas schattenspendenden Rizinusstrauch verdorren lässt, beschwert sich der Prophet bei Gott. "Was Gott Jona antwortet, ist symbolisch zu verstehen. Er erklärt ihm, dass das Wesen der Liebe darin besteht, für etwas 'zu arbeiten' und 'etwas aufzuziehen', dass Liebe und Arbeit nicht voneinander zu trennen sind."

An sieben Tagen erschuf Gott die Welt. Das sei Fürsorge, so der Autor. "Aber Gott geht über dieses notwendige Minimum hinaus: An jedem Tag der Schöpfung sagt Gott eigens zu dem, was er geschaffen hat: 'Es ist gut!'" In dieser besonderen Bestätigung komme die bedingungslose, mütterliche Liebe zum Ausdruck, die Fromm als das Endziel jeglicher Liebe ansieht. Mütterliche Liebe ist Nächstenliebe. Der Säugling braucht sie, die Mutter gibt sie. Weiter hinten im Buch schreibt Fromm: "Es gibt keine 'Arbeitsteilung' zwischen der Liebe zu den eigenen Angehörigen und der Liebe zu Fremden."

Über die Feindesliebe schreibt der Autor nichts. Deshalb möchte ich das hier ergänzen. Stellen Sie sich ein Vergewaltigungsopfer vor, dass dem Täter so sehr vergibt, dass es ihm hilft, sich seinem Narzissmus zu stellen, um zu seinem wahren Selbst, zur Kunst des Liebens zu finden. Wenn der Täter das schaffen sollte, wird er zur Dankbarkeit und Liebe fähig werden und kann dann auch sich selbst vergeben. Die Rollen von Täter und Opfer würden aufgehoben sein. Die Gewalt wäre zur Liebe transzendiert. Damit meine ich nicht, dass Täter und Opfer jetzt ein Paar werden, sondern dass sie für alles, was existiert, Liebe empfinden könnten.

Besonders spannend fand ich auch das Kapitel über die Selbstliebe, in welchem Fromm deutlich zwischen wahrer Selbstliebe und Selbstsucht sowie Selbstlosigkeit unterscheidet.
Selbstliebe schafft Frieden, während Selbstsucht, dem Selbsthass entspringt, alles um sich herum gierig verschlingt, um am Ende nur noch gieriger zu sein, es herrscht Krieg. "Die Bedürfnisse anderer interessieren ihn nicht, und er hat keine Achtung vor ihrer Würde und Integrität. Er kann nur sich selbst sehen; einen jeden und alles beurteilt er nur nach dem Nutzen, den er davon hat."
Der Selbstlose tue nichts für sich selbst und sei deshalb ebenso unfähig zu lieben wie der Selbstsüchtige. Super erkannt, liebe Seele! Dankeschön!

Trotz aller Spannung stellte sich ungefähr in der Mitte des Buches ein leichtes Unwohlsein bei mir ein, das etwas mit Langeweile zu tun hatte. Das lag nicht an der Lektüre, sondern an mir. Ich konsumierte Fromms Meisterwerk nur. Ich verleibte mir ein Objekt ein, ohne mich mit ihm zu verbinden. Es fehlte die "Kunst des Liebens".
"Dem kann ich abhelfen!", dachte ich grinsend. Nein, nicht durch einen orgastischen Zustand, auch nicht mit Konformität.
Schon lange, bevor ich den Bestseller gelesen habe, hatte ich die Bedeutung der Kreativität entdeckt. "Eine dritte Möglichkeit, zu neuer Einheit zu gelangen, liegt in schöpferischen Tätigsein, sei es das eines Künstlers oder eines Handwerkers." Seit fünf Jahren nun schon bin ich Schriftstellerin und kann Ihnen versichern, dass das "Die Kunst des Liebens" extrem steigert. Frau erwartet am Ende nicht einmal mehr Medaillen in Form von Geld für ihr Schaffen, sondern ist nur noch voller Freude, das Tun zu dürfen, sein zu dürfen. Wahre Liebe!

Das Prinzip des Kapitalismus hält Fromm für unvereinbar mit dem der Liebe. Im Kapitalismus herrsche eine Fairness-Ethik. Man gehe im Kampf um die Produktionsmittel fair miteinander um, mehr nicht. Der Nächste wird lediglich respektiert, aber nicht geliebt.
"Selbst wenn man erkannt hat, dass das Prinzip des Kapitalismus mit dem Prinzip der Liebe an sich unvereinbar ist, muss man doch einräumen, dass der 'Kapitalismus' selbst eine komplexe, sich ständig verändernde Struktur hat, in der immer noch recht viel Nicht-Konformität und persönlicher Spielraum möglich ist."

Im Kapitel "Liebe zu Gott" erinnerte mich Fromm daran, wie viel Mutterliebe im Protestantismus steckt, obwohl Luther seine Zweifel an der bedingungslosen Liebe ausdrückte, indem er die Heilige Jungfrau verbannte.
Taoismus, Brahmanismus, Judentum, Meister Eckhart und Paul Tillich führt er zusammen, indem er auf die Transzendenz Gottes im Handeln verweist. "Kurz, das paradoxe Denken führte zur Toleranz und zur Bemühung sich selbst zu wandeln. Der aristotelische Standpunkt führte zum Dogma und zur Wissenschaft, zur katholischen Kirche und zur Entdeckung der Atomenergie."

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Praxis der Liebe. Dort erfuhr ich, dass frau Liebe durch Disziplin, Konzentration, Geduld und Hingabe lernt. Tugenden, die in unserer Gesellschaft fast gänzlich verloren seien. Statt Liebe herrsche die Vergnügungssucht, die immer mehr will und niemals Frieden findet.

Fromms bedeutende Einleitung habe ich mir für den Schluss aufbewahrt. "Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz."
"Mit der Geburt (der menschlichen Rasse wie auch des einzelnen Menschen) wird der Mensch aus einer Situation, die so unbedingt festgelegt war wie die Instinkte, in eine Situation hineingeschleudert, die nicht festgelegt, sondern ungewiss und offen ist. Nur in Bezug auf die Vergangenheit herrscht Gewissheit, und für die Zukunft ist nur der Tod gewiss."

"Ich weiß, dass ich nichts weiß." (Sokrates) Deshalb folge ich meinem Gewissen und das ist "Die Kunst des Liebens".
65 Jahre alt schon ist der Bestseller. Warum haben ihn so wenige Menschen verstanden? Denn wenn sie es hätten, sähe die Welt heute anders aus. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre in den Schulen werden. Vielleicht erreicht es Jugendliche noch eher als Erwachsene, denn diese sind durch ihr Alter noch näher an dem Zustand vor und nach ihrer Geburt, wo sie hoffentlich Mutterliebe, Urvertrauen erfahren haben.

 Vera Seidl 

 

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